Bandini, Ditte [Editor]; Fussman, Gérard [Editor]
Die Felsbildstation Hodar — Materialien zur Archäologie der Nordgebiete Pakistans, Band 3: Mainz, 1999

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ZU DEN BRAHMI-INSCHRIFTEN

OSKAR VON HINÜBER

Der Bestand an Brähml-Inschriften beträgt in Hodar etwa 200. Davon sind gut 40 so stark beschädigt,
daß sich gelegentlich kaum ausmachen läßt, ob es sich überhaupt um Inschriften handelt. In 35 Inschrif-
ten verhindert der fragmentarische Erhaltungszustand jegliche Deutung, und vier Inschriften schließlich
bestehen nur aus einem einzigen Zeichen. Damit stehen etwa 120 Inschriften zur Verfügung, aus denen
sich Schlüsse ziehen lassen. Der allgemeine Erhaltungszustand kann also aufgrund des günstigeren Ver-
hältnisses der lesbaren zu den undeutbaren Inschriften als ein wenig besser als in Oshibat und in Shatial
beurteilt werden.
Die in der Einleitung zu den Brähml-Inschriften in der Ausgabe der Inschriften aus Oshibat dargelegten
allgemeinen Grundsätze für die Deutung des epigraphischen Materials behalten auch in Hodar ihre Gül-
tigkeit.
Anders als in Oshibat oder Shatial treten aus der Gesamtmasse der Inschriften deutlich drei Gruppen
hervor, die durch mehrfach wiederkehrende Personennamen verbunden werden.
Bei der ersten Gruppe handelt es sich um Stifter von sehr schlichten Stüpas, die auf den Steinen 4, 6, 7
und 8 abgebildet sind. Die Anzahl der Personen dieser Gruppe und ihre verwandtschaftlichen Beziehun-
gen lassen sich nicht in allen Einzelheiten wirklich durchschauen. Sicher scheint nur, daß der Name Vu-
rundi eine Frau bezeichnet, die mit Mätu(m)khira oder Jivadharma verheiratet ist, wie das Epitheton
bhäryä zeigt, und daß sie einen Sohn namens Bhita hat. Letzteres ergibt sich aus den Inschriften 4:1 und
6:1. Der Sohn scheint die Inschriften, die die Namen seiner Familie enthalten, mit Ausnahme von 4:1 ge-
schrieben zu haben. Denn in den identischen Inschriften 4:5 = 6:9 und in 6:5 wird er “Bhita, der Schrei-
ber” genannt.
In dem Wort Mätu(m)khira, das sich nicht weiter deuten läßt, könnte ein Titel vorliegen, wenn in 12:58
die vier zerstörten Zeichen zu [mätu(m)khira]pati zu ergänzen sind. Trifft diese Vermutung zu, dann
könnte Jivadharma, der zusammen mit der Vurundi und ihrem Sohn Bhita in eben dieser Inschrift ge-
nannt ist, den Titel mätu(m)khira(pati) tragen, so daß insgesamt drei Familienmitglieder, nämlich Vater,
Mutter und Sohn, gemeinsam stiften. Diese Annahme würde auch erklären, warum in 6:1 Jivadharma an
der Stelle von Mätu(m)khira mit “der Gattin Vurundi” erscheint.
Nur selten lassen sich bisher auf den Inschriften genannte Personen zu einer Familie zusammenfassen.
Zwei weitere Beispiele sind Sinhota mit seiner Schwester Praväsusabhä und seiner Gattin, “dem Mäd-
chen aus Campä”. Diese Familie hat mehrere Zeichnungen in Chilas gestiftet. Aus einer zweiten Familie
lassen sich die Namen des Großvaters Priyananda, des Vaters Dharmasimha und seines Sohnes Dharmota
in Thalpan nachweisen.1 Da in beiden Familien ein Mitglied einen für das Gebiet typischen Namen auf
-ot(t)a- trägt, liegt die Vermutung nahe, daß es sich wohl eher um ortsansässige Personen als um Reisen-
de von weither handelt. Diese Annahme wird wohl auch dadurch bestärkt, daß Priyananda in einer In-
schrift mit der für den Oberen Indus typischen Formulierung dharmahetuvarada erscheint. Dies wiederum
verbindet den Stifter Priyananda mit Jivadharma in Hodar, der in der Inschrift 12:58 ebenfalls diese For-

l

von Hinüber 1989a: 84f. und 77f.
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