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Neymeyr, Barbara; Nietzsche, Friedrich; Heidelberger Akademie der Wissenschaften [Mitarb.]
Historischer und kritischer Kommentar zu Friedrich Nietzsches Werken (Band 1/2): Kommentar zu Nietzsches Unzeitgemässen Betrachtungen: I. David Strauss der Bekenner und der Schriftsteller, II. Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben — Berlin, Boston: De Gruyter, 2020

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https://doi.org/10.11588/diglit.69926#0302
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276 Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben

Der „Forderung einer monumentalischen Historie“ weist N. im 2. Ka-
pitel besondere Bedeutung zu, weil sie vom „Glauben an die Humanität“ erfüllt
sei (259). Ausgehend vom Gedanken an einen „Höhenzug der Menschheit
durch Jahrtausende“ (259) und dem Ideal, „dass das Grosse ewig sein solle“
(259), nütze die monumentalische Geschichtsbetrachtung „dem Thätigen und
Mächtigen“ (258), der inspirierender Vorbilder bedürfe. Nachahmenswerte his-
torische Vorgänger fungieren für ihn als praktische Anleitung zu einem energi-
schen politischen Handeln und schützen ihn zugleich vor der Resignation an-
gesichts seiner begrenzten Kraft und Lebenszeit. Die monumentalische Historie
vermöge Motivation zu vermitteln, indem sie Mut, Tatkraft und die Hoffnung
auf „Unsterblichkeit“ (259) durch das eigene Werk evoziere. Außerdem ermög-
liche sie eine historische „Continuität des Grossen“ (260). Allerdings müsse
man dabei jeweils von der konkreten Individualität solcher Beispiele und von
ihrem Stellenwert innerhalb historischer Kausalzusammenhänge abstrahieren
(261-262). Denn das nachahmungswürdige Vorbild bietet ein Konzentrat von
zeitübergreifend realisierbaren ,,Effecte[n] an sich“ (261), ohne dass auch die
Ursachen im Einzelfall identisch sein müssen. Zudem könne eine monumen-
talische Vergangenheit, sofern sie den Tätigen zu künftigem Engagement
motiviere, zur Folge haben, dass zwischen der historischen Faktizität und der
„mythischen Fiction“ (262) nicht hinreichend differenziert wird, ja dass sich
Geschichte durch ästhetische Überformung sogar „der freien Erdichtung“ an-
nähert (262).
Problematisch erscheint N. ein Primat der monumentalischen Perspektive
auf Kosten der anderen historischen Betrachtungsweisen: Denn die strikt se-
lektive Wahrnehmung geschichtlicher Zusammenhänge nach dem Kriterium
ihrer Eignung für eine monumentalische Funktionalisierung bringe das Risiko
mit sich, dass die Aufmerksamkeit primär den täuschenden Analogien gelte,
dass zugleich jedoch weite Bereiche der Vergangenheit in Vergessenheit gera-
ten. Blieben auf diese Weise aber nur wenige bedeutende Fakten als „Inseln“
im kulturellen Gedächtnis erhalten, so ergebe sich daraus ein sehr einseitiges
und ungerechtes Geschichtsbild (262).
Fatale Folgen von unüberschaubarem Ausmaß kann die monumentalisie-
rende Historie nach N.s Überzeugung auch dann haben, wenn sie mächtigen
Bösewichtern oder mediokren Existenzen als Handlungsstimulans dient und
dadurch kontraproduktiv wird. Außerdem gibt N. zu bedenken, dass sich die
„unkünstlerischen und schwachkünstlerischen Naturen“ mitunter auf „den
Kanon der monumentalen Kunst“ berufen, um die „starken Kunstgeister“ bei
ihren Aktivitäten zu behindern (263). Dabei missbrauchen sie die Autorität des
Vergangenen, um künftige große Kunst möglichst gar nicht erst entstehen zu
lassen, und zwar nach dem Motto: „seht, das Grosse ist schon da!“ (264). Mit
 
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