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Kaufmann, Sebastian; Nietzsche, Friedrich; Walter de Gruyter GmbH & Co. KG [Contr.]; Heidelberger Akademie der Wissenschaften [Contr.]
Historischer und kritischer Kommentar zu Friedrich Nietzsches Werken (Band 3,2, 1. Teilband): Kommentar zu Nietzsches "Die fröhliche Wissenschaft" — Berlin, Boston: De Gruyter, 2022

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https://doi.org/10.11588/diglit.73066#0129
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106 Die fröhliche Wissenschaft

nander mit Rosen und anderen Gaben; auch im häuslichen Kreis fanden gegen-
seitige Bescherungen statt (daher wohl unsere Weihnachtsgeschenke). Auch
Spiele, namentlich Wettrennen im Cirkus, Gladiatorengefechte und Mummen-
schanz (der dem spätern römischen Karneval seine Entstehung gab), waren mit
diesem Fest verbunden." (Meyer 1874-1884, 14, 175) Vgl. auch „die Freude der
Sclaven am Saturnalienfeste" in MA I 213, KSA 2, 174, 17.
Für den Kontext von FW Vorrede ist insbesondere der Hinweis auf die „un-
gezügelte Freiheit" relevant, die während dieses Festes herrschte. ,Satumalien
des Geistes' bedeuten hier nicht zuletzt: ,Befreiung des Geistes' (zum „Schmerz"
als „letzte[m] Befreier des Geistes" siehe aber FW Vorrede 3, 350, 5); durch den
bei N. verwandten unbestimmten Artikel („eines") ist hier freilich konkret an
den Geist des sprechenden Ich zu denken. Vgl. auch das Motiv der abgelegten
Ketten in FW Vorspiel 32 und in den im Kommentar hierzu angeführten Parallel-
stellen. Anzumerken bleibt indes, dass die Saturnalien ein Befreiungsfest von
begrenzter Dauer waren: Nach wenigen Tagen wurden den Gefangenen die Ket-
ten wieder angelegt, und die Sklaven mussten wieder Sklavendienste verrichten.
In der Logik des Satumalien-Bildes liegt also, dass die dadurch umschriebene
,Genesung' - wenn sie überhaupt stattgefunden haben soll - keine dauerhafte
gewesen ist. In einem Entwurf der „Vorrede zur ,Fröhl. Wissenschaft'" im Heft
WI 8 wird das bloß Temporäre, Transitorische dieser ,Befreiung' oder ,Gene-
sung' noch ausdrücklich hervorgehoben: „Über das Mißverständniß der ,Hei-
terkeit'" heißt es dort: „Zeitweiliges Erlösung von der / langen Spannung, der
Übermuth, die Saturnalien eines zu 'eines Geistes, der sich zu langen u.'
furchtbaren Entschließungen bereiten Geistes 'weiht u. vorbereitet'." (KGW IX
5, W I 8, 63, 2 u. 16-20 = NL 1885/86, 2[166], KSA 12, 149, 30 u. 150, 7-11.) Mit
Blick auf diese Stelle beobachtet auch Pichler 2016, 40: „Heiterkeit wird so zur
temporär eingenommenen Gemüts-Rolle eines alles andere als Heiteren." In
der Druckfassung tritt der Aspekt des ,Zeitweiligen' allerdings stark zurück;
übrig bleibt hier nur für die genau Lesenden ein ungelöster Restzweifel an der
Tragweite und Nachhaltigkeit des geschilderten Genesungs- bzw. Befreiungser-
lebnisses.
345, 16 f. eines Geistes, der einem furchtbaren langen Drucke geduldig wider-
standen hat] Was für ein Druck hiermit gemeint ist, wird spätestens durch FW
Vorrede 2 deutlich: der „Druck der Krankheit" (347, 21).
345, 18-21 und der jetzt mit Einem Male von der Hoffnung angefallen wird, von
der Hoffnung auf Gesundheit, von der Trunkenheit der Genesung] Wenige Zei-
len zuvor wurde noch „die Genesung" (345, 14) selbst als das höchst uner-
wartete Erlebnis dargestellt, dem sich die Entstehung von FW verdanke. Der
hier zu kommentierende Passus verstärkt dagegen die bereits angesichts der
 
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