Hölscher, Gustav; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Hrsg.]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1941/42, 3. Abhandlung): Die Anfänge der hebräischen Geschichtsschreibung — Heidelberg, 1942

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Unter den Völkern des alten Orients nehmen die Israeliten
auch darin eine Sonderstellung ein, daß sie allein und in sehr früher
Zeit eine echte Geschichtsschreibung hervorgebracht haben1 *. Es
ist ein schwerer Verlust, daß uns ihre alten Geschichtswerke nicht
mehr unversehrt und selbständig erhalten sind, sondern nur ein-
gearbeitet in das Gefüge eines späten Kompilationswerkes und be-
graben unter dem Schutt mehrfacher Redaktionen. Man ist auf
mehr oder minder sichere Textanalysen angewiesen, um die ur-
sprüngliche Gestalt dieser Werke zu rekonstruieren, und gewinnt
dabei am Ende nur zahlreiche Bruchstücke, deren Verbindung
untereinander vielfach beschädigt oder ganz zerstört ist.
Der Erfolg einer Untersuchung, wie der nachfolgenden, die sich
mit dem ältesten israelitischen Geschichtswerke, dem sog. ,,Jah-
visten“ (J) befassen soll, kann also nur ein begrenzter sein. Trotz-
dem erscheint der Versuch nicht als hoffnungslos. Gründliche und
methodische Arbeit hat die Aussonderung der jahvistischen Be-
standteile in den hebräischen Geschichtsbüchern zu gewissen siche-
ren Ergebnissen geführt, und es hat sich gezeigt, daß ein großer
Teil der jahvistischen Geschichtsschreibung noch erhalten und auf
weite Strecken hin auch einigermaßen unversehrt vorliegt, sodaß ein
zusammenfassendes Urteil über sie wohl gewonnen werden mag.
Es soll hier versucht werden nachzuweisen, daß dies jahvistische
Schrifttum in höherem Maße als gemeinhin angenommen wird,
auch literarisch eine Einheit bildet, mit anderen Worten, daß das,
was man jahvistisch nennt, seiner Grundlage nach das umfassende
planmäßige Werk eines Historikers ist.

1 Ed.Meyer, Geschichte des Altertums I l3, 1910, S.227; Ed.Schwartz,
Geschichtsschreibung und Geschichte bei den Hellenen, in: Die Antike IV,
1928, S. 15; Karl Reinhardt, Herodots Persergeschichten, in: Geistige Über-
lieferungen 1940, S. 141.
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