Hölscher, Gustav; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Hrsg.]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1941/42, 3. Abhandlung): Die Anfänge der hebräischen Geschichtsschreibung — Heidelberg, 1942

Seite: 32
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32 G. Hölscher: Die Anfänge der hebräischen Geschichtsschreibung

Komposition
Das von J entworfene Bild der Vergangenheit umfaßt Sage
und geschichtliche Kunde. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt
in der Geschichte des Königtums Sauls, Davids und Salomos1. Diese
ist die für ihn noch lebendige Vergangenheit, aus der ihm echte
Erinnerung zu Gebote steht. Voraus schickt er die Geschichte von
der Entstehung des Volks in Ägypten: seine Befreiung aus der
Knechtschaft, die Eroberung Kanaans und die Verteidigung des
Landbesitzes gegen feindliche Nachbarn. Einleitung des Gesamt-
werkes ist die Geschichte der Ahnen des Volkes, deren Stammbaum
bis zu den Urmenschen zurückverfolgt wird.
Die tiefe Kluft, die in jeder ursprünglichen Überlieferung zwi-
schen Sage und geschichtlicher Zeit klafft2, ist auch hier deutlich.
Der Schnitt liegt in Ex 1ö 8—io, wo aus der Familie Jakobs plötz-
lich im Laufe einer Generation ein großes Volk wird, welches dem
Pharao bedrohlich erscheint.
Aber nicht nur an dieser Stelle zeigen sich Risse und Nähte
in dem vom Verfasser konstruierten Geschichtsbilde. Sie verraten
sich auch in dem Wechsel des Schauplatzes, auf dem die Handlung
spielt und der die verschiedene Herkunft der Überlieferungen an-
deutet, die durch das Motiv der Wanderung aus dem Osten nach
Kanaan, von da nach Ägypten, weiterhin an den Sinai und schließ-
lich nach Kanaan miteinander verbunden sind. So ist die Sage
von der Befreiung aus Ägypten durch Mose und der Offenbarung
am Sinai von Haus aus ein isolierter Traditionskomplex. Die Binde-
glieder nach rückwärts und vorwärts sind vom Schriftsteller ge-
schaffen, einerseits durch die Übersiedelung Jakobs und seiner
Söhne nach Ägypten, durch die die Josefsage mit der Mosesage ver-
knüpft wird, andererseits durch eine Reihe von Lokalsagen, die
die Wanderung vom Sinai ins Ostjordanland ausschmücken und
die Mosesage mit der Einwanderungsüberlieferung verbinden.
Daneben ist es die Genealogie, die die verschiedenen Stoffe zu
einem Ganzen zusammenfügt. Eine Jahres Chronologie besitzt J
noch nicht. Er ordnet den Stoff nach Generationen, die er wohl
1 Siehe unt. S. 102.
2 Dasselbe auch in der griechischen und römischen Überlieferung, vgl.
bes. den Stammbaum der Herakliden, ebenso auch die äolischen, ionischen
und attischen Stammbäume, und dazu Ed. Meyer, Geschichte des Altertums
III2, 1937, S. 204 233ff. 243 363f. 754; Ders., Forschungen II, S. 530f.
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