Sellner, Harald [VerfasserIn] ; Eberhard Karls Universität Tübingen [Grad-verleihende Institution] [Editor]
Klöster zwischen Krise und correctio: monastische "Reformen" im Hochmittelalterlichen Flandern — Klöster als Innovationslabore, Band 3: Tübingen, 2016

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4. Correctio und Identität
Die correctio eines Klosters zielte in den allermeisten Fällen darauf ab, eine insti-
tutionelle Krise zu überwinden. In einer derartigen Situation spielte die Frage nach
klösterlicher Identität eine besonders wichtige Rolle. Identität, so fassen Meyer
und Dartmann zusammen, ist nichts Gegebenes, sie wird »nicht besessen und ver-
erbt, sondern immer neu entworfen und in der Praxis immer neu aktualisiert«.2115
Die correctio einer Gemeinschaft stieß derartige »Konstruktionsprozesse« indivi-
dueller, aber auch kollektiver Identität an. Auf die unterschiedlichste Weise - am
besten allerdings in Form von Texten - zu fassen sind die Bemühungen, den ein-
zelnen Mönch an sein propositum zu erinnern, nämlich sich voll und ganz einem
Leben nach den Geboten Gottes und der Regel hinzugeben, den alten Menschen
abzulegen und das engelgleiche Leben der Mönche zu führen.2116 Eine correctio ziel-
te darüber hinaus in besonderem Maße auf die Konstruktion und Aktualisierung
kollektiver Identität und in manchen Fällen auch einer korporativen Identität ab.
Kollektive Identität ist allerdings nur möglich und denkbar, wenn sich der Einzelne
mit der sozialen Gruppe, in diesem Fall dem Kloster, identifizierte.2117 Die Medien,
durch die kollektive Identität vermittelt werden konnte, waren dabei sehr vielfäl-
tig. Für den klösterlichen Bereich reicht das Spektrum von Texten über spezifische
Praktiken bis hin zu Gegenständen und sozialen Bindungen: Historiographische
und hagiographische Texte, Liturgien, die Lebensweise der Gemeinschaft sowie
Heiligenkulte und Bauwerke spielten dabei eine ebenso bedeutende Rolle wie die
Beziehungen der Gemeinschaft mit ihrem weltlichen Umfeld.
4.1. Correctio zwischen Integration und Differenz
Der Erfolg einer correctio hing, wie gezeigt wurde, von den unterschiedlichsten
Faktoren ab. In den meisten Fällen kam die entscheidende Hilfe und Unterstützung
von außen durch weltliche und geistliche Herren, aber nicht zuletzt auch durch
Fachleute, nämlich Mönche anderer Gemeinschaften. Ihre Präsenz und ihr Wirken
in der Gemeinschaft führten nicht selten zu heftigen innerklösterlichen Spannun-
2115 C. Meyer, Ch. Dartmann, Einleitung, S. 17.
2116 Zu dieser Thematik vgl. die Beiträge in G. Melville, M. Schürer (Hgg.), Das Eigene und das Ganze.
2117 C. Meyer, Ch. Dartmann, Einleitung, S. 18, die sich hier auf J. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis,
S. 130-133 stützen.
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