Domaszewski, Alfred; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1920, 5. Abhandlung): Eine Urkunde bei Thukydides — Heidelberg, 1920

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v. Domaszewski:

Liste, welche Thukydides benützt hat, nannte nur jene Städte des
Seereiches, welche Demosthenes noch unter die Waffen rufen
konnte. Bei der Kürze der Zeit, die Demosthenes für seine Rüstung
zur Verfügung stand, und der Schwierigkeit der winterlichen See-
fahrt konnten die Untertanen des Inselgebietes nur in be-
schränktem Maße zum Heeresdienst aufgeboten werden, wie dies
eben in der Liste hervortritt.
Denn daß von den untertänigen Bundesgenossen im thra-
kischen Kreise nur Aenos, im hellespontischen nur Tenedos,
im ionischen nur Milet und Samos, im karischen nur Rhodos mit
ihren Aufgeboten zum Entsatzheer stoßen sollten, kann nicht be-
wußte Absicht gewesen sein. Vielmehr sind es jene Aufgebote,
die im Drange der Eile Athen noch rechtzeitig erreichten. Es ist
in dem inneren, politischen Zustand des Bundes begründet, warum
die Aufgebote dieser Städte bereitwillig dem Hilfsrufe folgten. So
verwendet auch Kleon für Pylos 4, 28, 3 Λημίνους δε και Ίμβρίους
τούς παρόντας και πελταστάς οι ήσαν εκ τε Αίνου βεβοηθηκότες. Die
Aenier sind demnach mit den Kleruchen der naheliegenden thra-
kischen Inseln aufgeboten worden. Methymna und Tenedos er-
scheinen verbunden als sichere Stützpunkte attischer Macht
während des Aufstandes auf Lesbos 3, 2, 2 Τενεδιοι και Μηθυμναΐοι
— μηνυται γίγνονται τοΐς Άθηναίοις, vgl. 28, 3; 35. Milet und
Samos blieben, nachdem die Empörung in diesen Städten unter-
drückt worden war, in der Gewalt leidenschaftlich attisch gesinnter
Demokratien. Thuk. I, 117, 3. Diodor 12, 28, 3, vgl. Thuk. 3,
9; 32. 4, 75, 1. Ps. Xenoph. Ath. pol. 3; 11, vgl. I. Gr. I Suppl.
n. 22 a. Dasselbe gilt von Rhodos Thuk. 8, 44, 1.
Die Aufzählung der Städte des Inselkreises entspricht im
allgemeinen der geographischen Lage, in der Richtung von Norden
nach Süden, aber mit einer bemerkenswerten Abweichung, indem
die Έρετριής vor den Χαλκιδής genannt werden. Diese Änderung
entspringt nicht einem freien Belieben des Thukydides, wofür
auch ein Grand schwer einzusehen wäre. Denn diese Abweichung
findet sich ebenso in der Aufzählung der griechischen Staaten
auf der Schlangensäule zu Delphi.1)

ß Neue Heidelb. Jahrbb. 1, 1891, 181 ff. Dort habe ich das Prinzip der
Anordnung im wesentlichen richtig erkannt, in Einzelheiten geirrt. Nach der
jetzt allein maßgebenden Erklärung des Denkmales ist die Anordnung der Namen
„gänzlich, unerklärlich“,, meine Ansicht als „geistvoll“ an sich verwerflich.
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