Stegemann, Viktor [Editor]; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1933/34, 1. Abhandlung): Die koptischen Zaubertexte der Sammlung Papyrus Erzherzog Rainer in Wien — Heidelberg, 1934

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Viktor Stegemann.

Die Herkunft der Wiener Zaubertexte ist für die meisten
Stücke heute direkt nicht mehr festzustellen, da in der Bibliothek
im allgemeinen ein besonderer Herkunftsvermerk bei den einzelnen
Stücken fehlt. Aber auf Grund eines Analogieschlusses aus der
Herkunft der anderen Texte dieser Sammlung, für die man
bindende Ergebnisse gewonnen hat,1 kann wohl folgendes be-
hauptet werden: Die Zaubertexte gehören zu zweien von den
drei großen Teilsammlungen koptischer Urkunden, die auf
mancherlei Weise von Ägypten nach Wien gelangt sind. Die
eine Sammlung stammt aus dem Fayüm (Arsinoe) und aus dem
nahe dabei gelegenen Herakleopolis; sie weist fast nur Stücke in
fayümischer Mundart auf. Die andere, zum größten Teil aus
saidisch abgefaßten Stücken bestehende Sammlung kommt aus
dem Gau von Schmün (Hermupolis).2
Was der Sammlung der Zaubertexte unter den Rainerpapyri
das von den andern Sammlungen von Zaubertexten unter-
scheidende Gepräge gibt, ist folgendes: Es handelt sich bei diesen
Texten fast ausschließlich um Stücke des täglichen Gebrauchs.
Die meisten sind Heilungsamulette. Fast alle Stücke sind mit
dem Namen ihrer Träger versehen, während wir bisher fast
ausnahmslos Formulare von Zaubergebeten und Amuletten zu
Gesicht bekommen haben.3 * Die verwendete Schrift läßt deutlich
werden, daß die Amulette in niederen und in gebildeten Kreisen
der christlichen Ägypter geschrieben worden sind; sie wurden
wohl auch in ihnen verwendet; auf den Gebrauch in gebildeten
Kreisen scheint mir neben der Schrift und der guten Sprache

1 Vgl. CPR II S. 7 f. 224 f. und 'Führer5 S. XI f. — CPR III 1, 3 ff.
2 Die dritte Sammlung aus dem Weißen Kloster bei Achmtm enthält nur
literarische Stücke.
3 Kenntlich an dem bekannten N. N. (A.A., nim m6CI6nim, nim ncpeniM
u. ä.) statt des Namens. Namen tragen von den bisher bekannten Amuletten
und Zaubergebeten Berlin P 5535 [6], P 8503 [31]; London Or 4721 (1) [48],
Or 5525 [54], Or 5986 [56], Or 6172 [59], Or 6795 [60], Or 6796 [62] R° u. V°,
Or 6948 (2) [64], Ryl. 106 [72], Tayler-Schechter-Cambridge 12, 207 [74], Oxford
MS (copte) C(P) 4 [76], Straßburg Ms copte 135 [80], Freer coli. 593 u. f. [123] (?),
Florenz mus. archeol. Nr. 5645 [84] und Sammlung Lichacev [119], d. h. 16 von etwa
70 Nummern. Diese Texte sind mit Ausnahme der Londoner Or 6795 und Or 6796
(darüber Kropp I 29), die einer Sammlung angehören, an ganz zerstreuten Stellen
gefunden; die Wiener stammen aus den Schutthaufen der genannten Städte,
wohin sie vermutlich nach Gebrauch weggeworfen wurden.
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