Dibelius, Martin; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1941/42, 2. Abhandlung): Rom und die Christen im ersten Jahrhundert — Heidelberg, 1942

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Martin Dibelius:

Bewußtsein, daß der Widersacher der Endzeit jetzt zwar existiert,
aber noch nicht frei ist, sondern irgendwie zurückgehalten wird,
gebunden oder gefesselt ist1. Das eine gehört zum andern: wenn
Paulus also versichern will, daß das Ende und somit auch das
„Geheimnis des Frevels“ schon im Anbruch, der Frevler selbst, der
Antichrist aber noch nicht erschienen sei, so liegt darin schon die
Aussage, daß der Frevler zur Zeit noch gehalten werde oder ge-
bunden sei. Nun schildert Paulus den Antichrist zwar farbenreich,
aber diese Farben entstammen dem Mythus und der vergangenen
Geschichte und nicht der Gegenwart. Er sagt nicht, daß der große
Gottesfeind in einer geschichtlichen Person, etwa einem römischen
Kaiser, sich verkörpern werde. Die Prophezeiung verharrt trotz
konkreter Einzelzüge in apokalyptischer Unbestimmtheit. Dann
ist aber auch nicht zu erwarten, daß die Gestalt des Katechon aus
dieser Sphäre der Unbestimmtheit heraustreten werde. Von vorn-
herein ist also wahrscheinlich, daß Paulus selber zwischen Wissen
und Nichtwissen steht: der Antichrist wird in naher Zukunft, noch
vor der Wiederkunft Christi, erscheinen in irgendeiner dann auf-
tretenden Gestalt, die man noch nicht kennt; wenn er jetzt noch
nicht auftritt, so liegt das daran, daß er noch gebunden ist durch
ein Etwas, das man gleichfalls noch nicht kennt. Diese Auffassung
scheint mir weit glaublicher als die Vermutung, der noch unbe-
kannte Antichrist werde durch das bekannte römische Reich am
Erscheinen gehindert. Wenn man vollends bedenkt, daß nach der
vorausgesetzten Anschauung der Antichrist, der große Urfeind
Gottes, möglicherweise auch von Urzeiten her gebunden ist, dann
wird die Deutung des Katechon auf das römische Reich vollends
unmöglich.
Endlich ist sie auch darum unwahrscheinlich, weil Paulus be-
wußt zwischen το κατέχον und ό κατέχων abwechselt. Daß mit dem
Neutrum auf das Imperium angespielt wäre, könnte glaublich er-
scheinen; das Maskulinum will zum Reich nicht passen. Wenn
Paulus beide Genera nacheinander gebraucht, so wie er ja auch 2, 7
an die Stelle des Antichrists το μυστήριον τής άνομίας setzt, so deutet
das an, daß die konkrete geschichtliche Verwirklichung sowohl des
μυστήριον wie auch des κατέχων ihm unbekannt ist.
1 Vgl. Pap. Graec. Magic. I S. 106, 995 Preisendanz \oii llorus κατέχων
δράκοντα und siehe v. d. Leyex, Der gefesselte Unhold, Prager deutsche
Studien VIII, 7 ff.; Kaarle Kroiin, Der gefangene Unhold. Finnisch-ugrische
Forschungen 7, 129—184.
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