Dibelius, Martin; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1941/42, 2. Abhandlung): Rom und die Christen im ersten Jahrhundert — Heidelberg, 1942

Page: 6
DOI Page: Citation link: 
https://digi.hadw-bw.de/view/sbhadwphkl_1941_1942_2/0006
License: Free access  - all rights reserved
0.5
1 cm
facsimile
6

Martin Dibelics:

Thronerben — „leisten wir in allem andern freudig Gehorsam, in-
dem wir euch als Kaiser (βασιλείς) lind Beherrscher der Menschen
anerkennen und beten, daß ihr mit der kaiserlichen Macht auch ein-
sichtige Gedanken haben möget“. Eingeleitet aber wird der ganze
Abschnitt der Schrift Justins mit dem Satze: „Steuern und Ab-
gaben sind wir allenthalben und vor allem bemüht, euren Beamten
zu entrichten, wie wir von ihm (Christus) gelehrt sind.“ Jesus hatte
bei Erwähnung der — noch immer zu erfüllenden — Staatspflichten
auf .Gott verwiesen; die Lehrer des zweiten Jahrhunderts lesen aus
der Erzählung den Befehl, die Steuerpflicht vorbehaltlos zu er-
füllen. Die eschatologische Bedingtheit alles Verhaltens in der Welt
war vergessen: was es nun zu betonen galt in der Auseinander-
setzung mit dem Staat, war die christliche Pflicht der Loyalität.
I.
Wie war es zu diesem Wandel der Anschauung gekommen ?
Hier ist an einen anderen biblischen Text zu erinnern, der für die
Behandlung des Staatsproblems in der Urkirche bedeutsamer ge-
wesen ist als jene evangelische Erzählung. Es sind die bekannten
Worte des Apostels Paulus, Römer 13, vom Gehorsam gegen die
„Vorgesetzten Gewalten“ (πασα ψυχή έξουσίαις ύπερεχούσαις ύποτασ-
σέσθω). Damit sind nach dem gewöhnlichen griechischen Sprach-
gebrauch die Behörden gemeint. Die Beziehung des Wortes εξου-
σία auf engelartige oder dämonische „Mächte“, die — soviel wir
bisher wissen — nur in jüdischen und christlichen Texten vor-
kommt1, liegt dem Wortlaut wie dem ganzen Charakter des Römer-
brief-Abschnittes fern. Wenn Paulus fortfährt: „denn es gibt (über-
haupt) keine Gewalt außer von Gott“, so muß dieser Satz im Gegen-
satz zum Folgenden möglichst allgemein, in einem Himmel und
Erde umgreifenden Sinn, verstanden werden, und dabei mögen
dämonische „Mächte“ nicht ausgeschlossen sein. Um so mehr aber
beschränkt sich der folgende Satz auf die Erde: „Die vorhandenen
Gewalten (d. h. die Obrigkeiten) aber sind durch Gottes Ordnung
da'k (αί δέ ούσαι ύπο Εεου τεταγμέναι είσίν). So wird das Verhältnis
der beiden Sätze zueinander deutlich: wie es in der Welt keine
Gewalt gibt, die nicht von Gott ist, so sind auch die konkreten
1 Diese besondere Bedeutung ist in der neuen Ausgabe des Greek-English
Lexicon von Ltddeli. und Scott überhaupt nicht vermerkt; zahlreiche Be-
lege sind von Werner Foerster, Theo). Wörterbuch zum VT. II 568ff..
gesammelt.
loading ...

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften