Dibelius, Martin; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1941/42, 2. Abhandlung): Rom und die Christen im ersten Jahrhundert — Heidelberg, 1942

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Martin Dibelius:

der Gefängnisstrafe wird unter den Beispielen des philosophischen
Agon oft genannt, teilweise mit Beziehung auf Sokrates* 1. Zu der
zweiten Angabe, φυγαδευτείς, weiß der Paulusbiograph von heute
zwar einiges Material, aber nichts besonders Bezeichnendes beizu-
tragen. Alles erklärt sich aber, wenn man weiß, wie oft die φυγή
unter den πόνοι des Weisen erscheint2. In der Beihe dieser Nöte,
von deren Einfluß sich der Weise frei erhalten muß, wird auch
der Tod erwähnt3. Statt dessen ist hier die Steinigung genannt,
die Todesstrafe der Juden. Die Wanderung nach verschiedenen
Teilen der Welt gehört auch zum philosophischen Agon, der sich
gerade darin von dem ortsgebundenen Agon der Athleten unter-
scheidet; Herakles durchwanderte nach Dion ganz Europa und
Asien4; von Paulus sagt Klemens, daß er in Ost und West Herold5
gewesen sei. Nur der Gesichtspunkt der philosophischen Athletik
erklärt es, daß hier jede inhaltliche Kennzeichnung seiner Botschaft,
des Evangeliums, fehlt. Und aus demselben Grund ist die äußerste
Ausdehnung der paulinischen Mission mit dem vielumstrittenen
Ausdruck έπί το τέρμα τής δύσεως έλίΐών mehr umschrieben als
beschrieben. Gewiß ist hier Spanien gemeint, aber die oft beklagte
Inhaltlosigkeit der Angabe6 erklärt sich doch nur, wenn der philo-
έν πληγαις περισσοτέρως, έν φυλακαΐς υπερβαλλόντως und danach die Zahl der
Prügelstrafen, laut 11, 24 fünf, wegen ύπερβαλλόντοος um zwei Überboten
haben.
1 Epiktet III 24, 113 Zeus führt den philosophischen Kämpfer hierhin
und dorthin und auch ins Gefängnis, vgl. noch I 29, 16. 22 f.; II 13, 24.
2 Sehr bezeichnend ist die Betonung der φυγή in den Aufzählungen der
Nöte, die über den Weisen nichts vermögen. Vgl. Dio v. Prusa Or. VIII
16, I 98 von Arnim πενίαν δέ καί φυγήν καί άδοξίαν καί τά τοιαΰτα μηδέν ήγεΐσ-
8αι δεινόν αύτω, άλλα πάνυ κουφά, Or. IX 12, 1 ρ. 105 πενίαν καί φυγήν καί
άδοξίαν, Epiktet 1 4, 24 τί έστι 9-άνατος, τί φυγή, τί δεσμιοτήριον, I 24, 4 δεινόν
έστι θάνατος, δεινόν έστι φυγή, δεινόν λοιδορία, δεινόν πενία, II 1, 10 όπου δέ
θάνατος ή φυγή ή πόνος ή άδοξία. An all diesen Stellen bedeutet φυγή „Ver-
bannung“ — und dafür gibt es in dem uns bekannten Leben des Paulus
kaum Beispiele. Da aber φυγή auch „Flucht“ heißt und Paulus die Städte,
in denen er wirkte, oft flüchtend verlassen mußte, konnte Klemens das Ver-
bum φυγαδεύω auf ihn anwenden und damit zugleich die Anpassung an das
Athleten-Schema in einem wichtigen Punkte vollziehen.
3 Vgl. Epiktet I 4, 24; 24, 4: II I, 10. Alle Stellen sind in der vorher-
gehenden Anmerkung zitiert.
4 Dio v. Prusa, Or. VIII 29, p. 101; vgl. Epiktet III 24, 113.
° κήρυξ, aber των Ρεών, heißt der Kyniker Epiktet III 22, 69.
6 Holl bemerkt (Ges. Aufs. II 65 A. 3), Klemens verlege die spanische
Reise vor die Reise nach Rom, er wisse auch offenbar nichts von Befreiung
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