Raible, Wolfgang; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1991, 1. Abhandlung): Zur Entwicklung von Alphabetschrift-Systemen: is fecit cui prodest; vorgetragen am 21. April 1990 — Heidelberg: Winter, 1991

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Zur Entwicklung von Alphabetschrift-Systemen 19
Sicht des lateinischen oder griechischen Alphabets defektiv - die Voka-
lisierung wird allenfalls mit Hilfszeichen notiert.26
Hier ist es entscheidend, daß Gruppen aus den jeweils richtigen (meist
drei) Wurzelkonsonanten als zusammengehörig erkannt und dann beim
Lesen richtig vokalisiert werden. Dazu ist die Worttrennung - oder ein
anderes, adäquates Hilfsmittel27 - unabdingbar.
Bemerkenswert ist, daß dem Phänomen ,Worttrennung‘ in den zahl-
reichen Arbeiten zur griechischen Epigraphik kaum Aufmerksamkeit
geschenkt wird. Im Vordergrund des Interesses stand und steht die Ent-
wicklung der Buchstabenformen und die Frage, ob abwechselnd nach
links und nach rechts (βουστροφηδόν) bzw. in „Schlangenschrift“
(Ernst Zinn) oder nur in eine Richtung (στοιχεδόν) geschrieben wird.28
Dabei dürfte vermutlich gerade die Worttrennung hilfreich für die Da-
tierung der frühen Texte sein.29
4. Ein frühes Spitzenprodukt der Lesbarkeit: die lateinische juristische
Epigraphik
Die Beobachtung, daß die in Stein gehauenen, in Erz gegossenen oder
auf Metallfolien geprägten Texte - zumal der juristischen Epigraphik -
complete in the early documents. Word boundaries are not marked, and there was no
punctuation. Neither was there a distinction between capital and small letters.“
26 Vgl. zur Besonderheit der semitischen Alphabete auch Lüdtke (1969). - Die Überle-
gung, daß die semitische Scripta wegen ihrer Defektivität auf Worttrennung angewie-
sen war, findet sich auch bei Saenger (1989). Coulmas (1989:142) erwähnt, unter den
Schriften, die sich aus der proto-westsemitischen Schrift entwickelt haben, weise die
kanaanitische die Besonderheit auf, Wortgrenzen durch Punkte und Satzgrenzen durch
Striche zu markieren. - Vgl. auch Coulmas’ Hauptquelle für die älteren orientalischen
Schriften, Friedrich (1966).
27 In der arabischen Schrift wird dies bekanntlich durch die verschiedenen Formen der
Buchstaben geleistet. Sie haben in aller Regel am Anfang des Wortes, in der Mitte des
Wortes und am Ende des Wortes eine verschiedene Form. Ähnliches gilt in begrenztem
Umfang für die Wortende-Varianten einer Reihe von hebräischen Buchstaben.
28 Vgl. die im Sammelband von Pfohl (1968) enthaltenen Beiträge oder die umfangreiche
Abhandlung von Wachter (1989), die nur den Buchstabenformen gilt. - Im Bereich der
Buchstabenformen verdient allerdings die Arbeit von Brekle (1987) besondere Erwäh-
nung: Brekle vertritt am Beispiel der Entwicklung der Buchstabengestalt dieselbe
These von der Rezipienten-Bezogenheit.
29 Die Datierung der belegbaren Anfänge der Schrift in Griechenland scheint sich in den
letzten Jahrzehnten von einem sehr frühen zu einem relativ späten Ansatz (zwischen
750 und 700 vor Christus) verschoben zu haben.
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