Soltau, Wilhelm; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1916, 6. Abhandlung): Das vierte Evangelium in seiner Entstehungsgeschichte dargelegt — Heidelberg, 1916

Page: 5
DOI Page: Citation link: 
https://digi.hadw-bw.de/view/sbhadwphkl_1916_6/0005
License: Free access  - all rights reserved
0.5
1 cm
facsimile
Das vierte Evangelium.

5

nicht der Anlaß gewesen sein, daß seit dem Erscheinen jenes
Werkes der Kirchenglaube fast zwei Jahrtausende hindurch sich
in erster Linie dem Johanneischen Christus zugewandt und den
synoptischen Jesus weit geringer eingeschätzt hat.

I.
Ganz gewiß ist bei einem derartigen schriftstellerischen Pro-
blem der Weg des Philologen, zunächst den richtigen Wortlaut,
den echten Text festzustellen, in den meisten Fällen durchaus
empfehlenswert. Er wird da zu einem glücklichen Ziele führen,
wo es sich um Feststelfung äußerer Verderbnisse, um Interpolatio-
nen und Abschreiber-Korrekturen handelt. Dagegen ist ein solches
Vorgehen oft trügerisch, wenn die behandelte Schrift seit ihrer
Entstehung bezw. schon vor ihrer Vollendung mancherKi Umge-
staltungen erfahren hat. Nun ist es sicher, daß das vierte Evan-
gelium nach seinem vorläufigen Abschluß tendenziöse Zusätze
wesentlicher ArU von demjenigen erhalten hat, der cap. 21 als
Abschluß des ganzen Werkes hinzugefügt hat. Nicht minder wahr-
scheinlich ist es, wenn auch noch einer genaueren Erörterung be-
dürftig, daß dem fertigen Evangelium auch sonst größere Ein-
schübe zugefügt sind, wie das namentlich von den Johanneischen
Reden schon mehrfach vermutet worden ist. So sind einschließ-
lich späterer Interpolationen beim vierten Evangelium mindestens
drei Arten von Anderungen des ursprünglichen Textes zu unter-
scheiden:
1. Interpolationen (I) und kleinere Textumgestaltungen,
2. Tendenziöse Zusätze des Continuators (C),
3. Die Einfügung größerer Redestücke (R) in das bereits vol-
lendete Evangelium.
Da aber die Einheitlichkeit der Abfassung und des Verfassers in
Frage gezogen wird, und letzterer jedenfalls seinen Quellen gegen-
über eine gewisse Selbständigkeit gezeigt hat, so ist neben diesen
drei Arten der Abänderungen des Textes noch
4. dasjenige gesondert zu betrachten, was der Evangelist (Ev.)
d. i. der Bearbeiter der ihm vorliegenden älteren Berichte abge-
ändert oder hinzugefügt hat.

i So namentlich in cap. 13 und cap. 20; s. unten.
loading ...

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften