Littmann, Enno [Editor]; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1918, 8. Abhandlung): Das Malerspiel: ein Schattenspiel aus Aleppo — Heidelberg, 1918

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Enno Lütmann:

wiedergegeben. Ferner sei vorausgeschickt,, daß die Sprache
dieses Stückes den eigentlichen türkischen Volksdialekt von Nord-
syrien doch nur in sehr beschränktem Maße widerspiegelt, und
daß wir es auch kaum mit einem ursprünglichen Schattenspiel,
sondern aller Wahrscheinlichkeit nach mit einem für die Schatten-
bühne bearbeiteten Volksschauspiel zu tun haben.
Der Aufzeichner des „Malerspiels" sagt in der Einleitung
zu .seinem Texte (unten S. 12): „Dies ist, ebenso wie idie Spiele]
von Karagöz und Hagi Ejvad, ein Spiel, das hinter einem Vorhang
mit einer Anzahl aus Ölzeug oder Karton hergestellter seltsamer
menschlicher Figuren aufgeführt wird."
Karagöz ist bekanntlich der türkische Kasperle, Hagi Ejvad
ist sein ständiger Begleiter; eine ausführliche Charakteristik
dieser beiden Personen findet, man hei G. JACOB, TTRiRsRe
w Re/T i, RGs
Berlin 1900, S. 18h. Ebendort, auf S. 17, wird
auch die Zubehör des Schattentheaters beschrieben, ln Stambul
sind die Figuren „aus Kamelleder oder im Notfall aus Papier
geschnitten"; dem entsprechen hier „Ölzeug" und „Karton" (bzw.
„Pappe"), denn das Kamelleder wird für die Herstellung der
Figuren mit. Öl durchtränkt. Durch JACOBS mühsame und ein-
dringliche Forschungen sind das Wesen, der Inhalt und die
Geschichte des türkischen Schattentheaters zuerst klargelegt
worden. Danach besteht jedes echte türkische Schattenspiel zu-
nächst aus einem poetischen Prolog, den Hagi Ejvad spricht,
und dem sich meist eine feierliche Prosarede anschließt mit
Verfluchung des Satans, Preis Gottes, Gebet für den Sultan
und einigen Lobreden für das Publikum; darauf folgt die
ein Dialog zwischen Hagi Ejvad und Karagöz mit
einer Art dramatischer Exposition, und dann kommt erst das
eigentliche Stück, das meist genannt wird. Von Prolog
und findet sich im Malerspiele nichts. Darin gleicht
es den arabischen Schattenspielen aus Syrien; vgl. meine Mm-
Berlin 1901. Es scheint jedoch, daß in
letzteren die ständige, von 'Aiwäz gesprochene Einleitung:
„Willkommen sei mein Bruder Karaköz, der edle Sohn,
wenn man an ihn denkt, erscheint er schon"
ein Rest der 7m(Mve7*e ist. Im arabischen Schattentheater heißt
daher auch das ganze Stück /bR, und dementsprechend heißt
unser Malerspiel oyMw; auch $onst werden, nach JACOB, TiRARcAg
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