Oncken, Hermann; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1922, 2. Abhandlung): Die Utopia des Thomas Morus und das Machtproblem in der Staatslehre: Vortrag, gehalten in der Gesamtsitzung der Akademie am 4. Februar 1922 — Heidelberg, 1922

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Seitdem es unter den Menschen ein Denken über den Staat
gibt, hat man auch das Bild des richtigen, des idealen Staates ent-
worfen. Der zweckesetzende Wille oder der erwägende Verstand
oder auch ein heimlich-brünstiges Sehnen haben ein solches ideales
Bild gefordert und werden es immer fordern. Die äußere Form und
das literarische Gewand, deren sich diese menschlichen Versuche
bedienten, haben von jeher mannigfach gewechselt; weit genug ist
der Weg, der von der künstlerischen Gestaltung eines visionär ge-
schauten Idealtraums bis zu den verstandesmäßigen, logischen oder
juristischen Konstruktionen eines Normaltypus führt; genug, daß
die verschiedenartigsten Anläufe der Sache nach das gleiche Ziel
verfolgen. Die geistige Kraft, die sich in solchen Theorien entlädt,
hat es sogar nicht selten gereizt, das was sie erst erstrebte und vor-
bildete, gewissermaßen schon gestaltet vorzuführen, mit andern
Worten: auch die künstlerischen Ausdrucksmittel der Phantasie
zur Hilfe zu rufen, um die blaße Kontur der Theorie durch die far-
bige Fülle eines angeblich vorhandenen Lebens auszufüllen. Denn
auch das Ideal wirkt am hinreißendsten, wenn der unbequeme
Nachweis, wie es zu verwirklichen sei, übersprungen wird, wenn es
vielmehr irgendwo als bereits verwirklicht gesetzt werden kann —
sei auch dieses Irgendwo vorläufig nur ein Nirgendwo, ein,,Utopien“.
Insofern sind auch die echten Utopien — aus deren Kreis die
bloßen Märchen oder die reinen Gedankenspiele auszuschalten sind
— sehr ernst zu nehmende Glieder in der Kette des Denkens, die
wir als Staatslehre im weiteren Sinne bezeichnen. Es gibt sogar
Utopien, die so wenig utopisch im gemeinen Sinne dieses Wortes
sind, daß sie geradezu die lebensvollsten und darum wirksamsten
Verkörperungen eines Staatsideales darstellen und daher den ewigen
Gipfelpunkten in der Entwicklung des Denkens über den Staat
beizuzählen sind. Es bleibt dabei von geringerer Bedeutung, auf
was für eine Wolkenwand eines „Nirgendwo“ sie das Bild ihres
idealen Staates projizieren — ob in eine Welt, wie sie in glück-
licheren und goldenen Tagen einst vorhanden gewesen sein soll —
oder in eine Welt, wie sie in kommenden besseren Zeiten, etwa im
Jahre 2000 oder an späteren zukunftsstaatlichen Stichtagen da-
stehen wird — oder in eine für uns nicht erreichbare Welt, wie sie,
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