Güntert, Hermann; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1932/33, 1. Abhandlung): Labyrinth: eine sprachwissenschaftliche Untersuchung — Heidelberg, 1932

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Labyrinth.

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heiten indogermanischer Art gleichsetzte. Solche riesenhafte Stein-
burgen mit «Kyklopen»-Mauern, wie wir sie aus den Ausgrabungen
in Tiryns, Mykene, Midea und sonst kennen, waren den an primi-
tiven Holzbau gewöhnten Indogermanen etwas völlig Neues; nur
Riesen und Kyklopen konnten, wie sie meinten, diese mächtigen
Burgen und Grabkuppeln getürmt haben, genau, wie man die vor-
indogermanischen Steinbauten des Neolithikums in Norddeutschland
bis heute im Volksmund «Riesenstuben», «Hünengräber»,
dänisch jätte-stuer «Riesenstuben» nennt.
22. Vergleichen wir nun die Stämme von Λαπίθ-αι, Λάταθ-ος,
Λάπαθος mit latein. lapis, lapicl-is «Stein», griech. λέπας, λέπαδ-ος
«kahler Fels, Stein», so zögere ich nicht, diese Wörter dem indo-
germanischen Wortschatz abzusprechen und den «ägäischen»
Sprachen zuzuweisen.1 Zum Wechsel der dentalen Artikulationsart
vgl. man Fälle wie Βερεκύνθνον : Βερεκυντία : Βερεκύνδαι. Schon längst
machte der Vokalismus von latein. lapis gegenüber λέπας Schwierig-
keiten; ich selbst suchte ihn früher als Ablaut zu deuten, wie in
magnus: μέγας, was an sich sprachwissenschaftlich möglich und
einwandfrei ist..2 Aber die kulturgeschichtliche Sachfor-
schung zwingt jetzt, die Sachlage anders zu sehen: die Griechen
haben ihr λέπας in Anlehnung an die heimische Sippe von λέπω
«schäle», λέπος «Rinde», λεπίς «Schuppe» so vorzüglich eingekleidet,
daß man die fremde Herkunft des \Vorts, hier wie in vielen anderen
Wörtern, nicht mehr bemerkt. Denn die Flellenen waren Meister
der Volksetymologie. Aber das lateinische, isolierte lapis, das Fehlen
in nord- und ostindogermanischen Sprachen, und vor allem diese
Verwandten wie Λάπιθος, Λάπαθος, Lapad entlarven uns jetzt den
fremden Eindringling.
23. Wie laurices zu laur- «Stein», so gehört französ. lapin
«Hase», altfranzös. laperel, das ins Holländische als lampreel «junges
Kaninchen», niederländisch lampe «Hase» entlehnt ist, lat. lepus,
lepor-is und massiliotisch λεβηρ-ίς «Kaninchen» zu unserem Stamm.
Auch erscheint eine Form mit Fernangleichung von l-p-r zu r-p-r in
französ. rabbouillere «Kaninchenbau», rabouillat «kleines Kaninchen»
(le Maine), die auf ein *rabereau neben Hapereau hindeuten (vgl.
1 Labda, die Ahnfrau des Labdakidenhauses, heiratete den Eetion von
Petra (!) aus Lapithen-Geschlecht: es handelt sich um Sagen des vorgriechischen
Landesadels, was auch andere Motive (Lahmheit, Kypseloslade u. dgl.) beweisen.
2 Idg. Ablautprobleme, 1916, 54, Nr. 7.

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