Güntert, Hermann; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1932/33, 1. Abhandlung): Labyrinth: eine sprachwissenschaftliche Untersuchung — Heidelberg, 1932

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Hermann Güntert:

auch englisch rabbit «Kaninchen»); ob ein Wort für «Hase» ursprüng-
lich in rabot «Hobel» (mit Bedeutungsübertragung «Kaninchen» zu
«Hobel»?) vorliegt (so Gamillscheg Franz, et. Wb. 733), bleibt un-
sicher trotz des englischen Worts.
V.
24. Es zeigt sich in der Wortforschung immer mehr, daß es
oft nicht genügt, nur ein einziges Wort für sich zu untersuchen,
sondern es ist meist sehr aufschlußreich, auch das ganze Begriffs-
oder Sinnfeld eines Bedeutungsgebiets abzutasten, dem dies
Wort angehört. So in unserem Falle. Denn es kann unsere Beob-
achtungen nur festigen und noch weiter stützen, wenn der Nachweis
geliefert wird, einmal, daß auch andere dem Steinbau zugeordnete
Begriffe im Griechischen nicht mit indogermanischem Sprachgut
bezeichnet werden, und zum andern, daß solche Wörter auch weit
nach Mitteleuropa hinaufreichen, um gelegentlich den falschen Schein
von Urverwandtschaft zu erwecken. Somit schließen wir hier eine
ganz kurze Betrachtung einiger anderer «Steinwörter» an, um den
geschichtlichen oder vielmehr vorgeschichtlichen Hintergrund für
unsere sprachlichen Ausführungen noch genauer und bestimmter
zu ermitteln.
25. Wir beginnen mit λίθος «Stein» und ή πέτρα «Fels, Stein»,
die beide noch keine überzeugende Verknüpfung mit indogermani-
schem Sprachgut erfahren haben. Mir scheint λίθος mit dem
sizilischen λίτρα «Gewicht, Münze» zusammenzuhängen, das in latein.
librci «Wage» entlehnt ist: τ und b deuten auf eine dentale Spirans
]>] die Grundbedeutung von λίτρα war offenbar «Stein, Gewicht-
stein». Dieses Suffix und die sizilische Bezeugung deuten auf vor-
indogermanischen Ursprung des Worts. Nun gibt es auf Sizilien
einen Fluß Λίσσος, der von kretisch Λίσσα, dem thrakischen Fluß-
namen Λισσός, dem Ortsnamen Λισσαί (Strabon 10, 479) nicht ge-
trennt werden kann. Daß -θ- und -σσ- auf eine spirantische Aus-
sprache deuten, hat man mit Recht aus Fällen wie Προβάλινθος :
Προβαλίσιοι gefolgert. Also dürfen wir wohl auch λίθος mit diesen
Formen Λίσσος usw. vereinigen.
20. In πέτρα aber vermute ich eine griechische Umstellung
einer älteren Form *τέπρα, die ich zunächst in einem weitverbrei-
teten Wort für «Beil, Axt» wiederfinde, nämlich in armen, tapar,
russisch topor, ags. tapor, aisl. tapar-öxi, finnisch tappara, estnisch taper,
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