Dibelius, Martin; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1941/42, 2. Abhandlung): Rom und die Christen im ersten Jahrhundert — Heidelberg, 1942

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Martin Dibelius:

fen, die für das erste Jahrhundert noch viel mehr Geltung haben
als für das zweite und dritte1. Man kann für den Widerspruch,
der sich schon im ersten Jahrhundert in der römischen Gesellschaft
gegen das Christentum geregt haben muß, keinen besseren Zeugen
aufrufen als den Gaecilius Natalis, den Sprecher des Heidentums
in dem Dialog „Octavius“ des Minucius Felix. Aus seinen Worten
ergibt sich die Vorstellung der Gebildeten von den Christen: eine
Gesellschaft größtenteils aus den untersten Schichten des Volkes
hat sich zu einem Bunde von Männern und besonders Frauen zu-
sammengeschlossen, dessen Mitglieder sich an geheimen Zeichen
erkennen, sich Brüder und Schwestern nennen und sich gegenseitig
lieben, fast bevor sie sich kennen2. Diese Leute greifen die über-
lieferte Beligion an und machen die Götter, die Opfer, die Tempel
und ihre Priester verächtlich. Sie beteiligen sich nicht am Staats-
dienst und scheuen die Öffentlichkeit, „nur in den Winkeln sind sie
gesprächig“. Sie verkünden statt der alten Beligion die Verehrung
eines Menschen, der mit den härtesten Strafen belegt ward und des
todbringenden Kreuzesholzes. Martern verachten sie und sterben
auf Erden ohne Furcht, sie fürchten aber einen Tod nach dem
Tode3.
Die hier erwähnte Todesbereitschaft der Christen erweist
sich gegen Ende des Jahrhunderts noch einmal wie in den Tagen
Neros. Das ist schon aus dem bekannten Brief 96 des Plinius an
Trajan für Kleinasien zu erschließen. Die von Plinius vernom-
menen Zeugen betonen, sie seien Christen gewesen, wären aber vom
Christentum abgefallen — und das sei bei einigen ante triennium,
bei anderen ante plures annos, bei noch anderen ante viginti ge-
schehen. Wir dürfen also mit Verfolgungen zwanzig Jahre vor dem
Pliniusbrief rechnen.
Das wird nun auch durch die bekannten Nachrichten aus Cas-
sius Dio4 über den Konsul Titus Flavius Clemens und seine Gattin
Flavia Domitilla, die Verwandten Domitians, bestätigt ; sie sollen
1 Vgl. Nestle, ARW 37 (1941), 51 ff.
2 Das Bruder-Schwester-Verhältnis wird von dem Kritiker in einer an
moderne Psychoanalyse erinnernden Weise beurteilt: passim inter eos velut
quaedam libidinum religio miscetur ac se promisce appellant fralres et sorores
Octavius 9, 2).
3 Alle diese Anklagen sind aus dem „Octavius“ 8, 4. 5; 9, 2 erhoben,
und dabei sind nur Vorwürfe berücksichtigt, die zweifellos auf die Christen
des ersten Jahrhunderts zutreffen.
4 Cassius Dio (excerpt. per Xiphilinum), Hist. Rom. LXVII 14. 1.
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