Flashar, Hellmut; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1969, 1. Abhandlung): Der Epitaphios des Perikles: seine Funktion im Geschichtswerk d. Thukydides — Heidelberg, 1969

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1.

Die Rede des Perikies auf die Gefallenen des ersten Jahres im
Peloponnesischen Kriege, wie sie sich bei Thukydides II 35-46 findet,
zählt von jeher zu den wichtigsten Dokumenten, in denen sich grie-
chischer Geist in klassischer Größe zu manifestieren scheint. Zum
ersten Mal in der Weltgeschichte wird hier ein leuchtendes Bild
einer gefestigten Demokratie als der idealen, für andere vorbild-
lichen Staatsform entworfen, die „die freie Entwicklung der Per-
sönlichkeit geradezu in den Staatszweck aufgenommen hat“ (M. Poh-
lenz, Der hellenische Mensch, Göttingen 1947, 115), der darin be-
steht, „Geist und Macht vollkommen ins Gleichgewicht zu setzen“
(W. Jaeger, Paideia II Berlin 1944, 1). So gilt denn der Epitaphios
als „volltönender Hymnus“ (Pohlenz, a. 0. 147), und unsere Be-
wunderung für diesen „des attischen Genius würdigen Traum“ (W.
Jaeger, a. 0. II 1) ist „nicht etwa eine Vorstellung, durch die wir
Nachfahren das ,klassische' Hellas verklären“ (Pohlenz, a. 0. 440).
So und ähnlich lauten im allgemeinen die Urteile über diese be-
rühmte Rede, die man gern als in sich geschlossenes Ganzes auf sich
wirken läßt, wie sie denn auch mehrfach einzeln übersetzt worden ist1.
Doch wird man den Sinn der Rede kaum hinlänglich erfassen
können, wenn man sie aus ihrem Zusammenhang reißt und isoliert
betrachtet. Denn es handelt sich ja um eine von Thukydides gestal-
tete Rede, der nach seinem eigenen methodologischen Grundsatz
(I 22, 1) sich außerstande sah, den dokumentarischen Wortlaut der
Reden wiederzugeben und daher von vornherein sich an die „Ge-
samtintention“ (r| yvwpr]) des wirklich Gesprochenen hielt.
1 Wohl aus der gleichen Einstellung heraus hat die „Staatsbürgerliche Bildungs-
stelle des Landes Nordrhein-Westfalen“ 1966 den Epitaphios des Perikies (in
der Übersetzung von Homeffer) zusammen mit der Ansprache des Intendanten
Werner Hess (Hessischer Rundfunk) anläßlich eines Staatsaktes der Hessischen
Landesregierung zum Volkstrauertag 1965 in einer kleinen Broschüre heraus-
gegeben.
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