Neumann, Carl; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]; Fraenger, Wilhelm [Oth.]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1916, 4. Abhandlung): Drei merkwürdige künstlerische Anregungen bei Runge, Manet, Goya — Heidelberg, 1916

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Drei merkwürdige künstlerische Anregungen bei Runge, Manet, Goya.

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die irdische Kraft nicht aus sich selber vermöge, das schenke die
göttliche Gnade; ,,die Passionsblume hebt ihn in den Himmel
hinein, Flügel sind herausgewachsen" usw. Das Gemäide des
Morgens in seiner kleinen Fassung wie in der später zerschnittenen
großen hat denn auch diesen Grundunterschied der flügeliosen
Genien und der Engei durchaus bewahrt.
Die treuen Hüter der Schätze Runges in der Hamburger
Kunsthalle^ werden leicht in der Lage sein, das An- und Abklingen
des Freiberger Motivs genauer zu verfolgen.
2.
Manets Erschießung des Kaisers Maximiiian nimmt in der
Kunst des Meisters eine Ausnahmesteliung ein. Duret sagt in
seiner Histoire de Edouard Manet S. 114, es sei die einzige Kom-
position von ihm, die eine gemalte Geschichte gebe, welche der
Künstier nicht selber gesehen habe, eine Historie, dergleichen er
seit der in Coutures Werkstatt erworbenen Abneigung gegen
solche Gegenstände verschmähte. Von einer anderen Historie,
dem Zweikampf der beiden amerikanischen nord- und südstaat-
lichen Schiffe auf der Reede von Cherbourg, sagt Duret ausdrück-
lich, es sei «une scene vue^ gewesen, deren Augenzeuge Manet
im Jahre 1864 war. So wird denn auch die Umständlichkeit der
Vorbereitung des Bildes, der Wert, den Manet auf alle «renseigne-
ments» über den Fall legte, die Auswahl der Modelle, die Vor-
versuche und Entwürfe, bis es — erst beim dritten- oder viertenmal
— zur Ausführung kam, stark betont. Die ersten Fassungen hat
MEiER-GRÄFE in seinem Buch über Manet (München, Piper, 1912)
abgebildet und 1867, das fertige Bild, das jetzt die Mannheimer
Kunsthalle besitzt, 1868/69 datiert, so daß man allein aus den
Daten die Anstrengung Manets ablesen kann.
Ob Manet nicht auch künstlerische Vorlagen benützt hat,
war für die Kritik eine Frage. MEiER-GRÄFE bildet eine Zeichnung
der Zeit, ,,die wahrscheinlich Manet gedient hat", aus dem Besitz
von Herrn Dr. Wichert in Mannheim ab. In der linken Ecke agie-
ren ein paar tonsurierte Geistliche; die drei Opfer stehen vor hohen
Kreuzen und sind vollkommen sichtbare Hauptsache, indes sie
bei Manet durch Gewehrläufe und Pulverrauch überschnitten
^ Wir dürfen, wie ich Yernehme, von dieser Seite auf ein Buch über
Runges Zeichnungen hoffen.
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