Weinreich, Otto; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1924/25, 7. Abhandlung): Eine delphische Mirakelinschrift und die antiken Haarwunder — Heidelberg, 1925

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Eine delphische Mirakel-Inschrift und die antiken Haarwunder. 7
daß Asklepios einen der Kurierten umtauft und den nunmehr be-
kehrten ungläubigen Thomas νΑπιστος nennt (I, 23).
Wenn das Haar der Neugeborenen fabelhaft rasch wächst, so
halte man dagegen das noch wunderbarere Wachstum des neu-
geborenen Knaben in Epidauros, der gleich nach der Geburt sich
selber an der Quelle waschen und mit der Mutter umherkriechen
kann. Ein Ereignis, das wie beim delphischen θαύμα, die Mutter
έτη τό ά'νθεμα έπεγράψατο (I, 1). So rasch gedeihen sonst nur
Gotteskinder, wie etwa der Taugenichts Hermes, oder Märchenhelden.
Und endlich zum Haarwunder selbst, das Apoll bewirkt, ver-
gleiche man das epidaurische I, 123: Asklepios schenkt dem Heraios
seinen Haarschmuck wieder (Text s. unten S. 8).
Die epidaurischen Stelen sind in den letzten Dezennien des
4. Jahrhunderts aufgezeichnet, das delphische Mirakel in den ersten
des 3. Der Schluß liegt auf der Hand, der uns die Singularität
des Steins erklärt: Apoll ist bei seinem erfolgreichen Sohn Askle-
pios in die Schule gegangen. Delphi kommt, um mit Epidauros
konkurrieren zu können, dem Geschmack des Publikums entgegen.
Man hält ja auf freundnachbarliche Beziehungen, vgl. II, 70ff.1 °),
und schon früh erhielt Asklepios in Delphi ein kleines Ternenos.11)
So grob und massiv wie der Epiclaurier mirakelt der Delphier
allerdings noch nicht, aber die ganze Sphäre des delphischen Textes
ist doch den ιάματα blutsverwandt. Es spricht für den Geschmack
der delphischen Priester, daß sie mit derlei Anathemen nicht eben-
solche Propaganda machten wie die epidaurischen. Als sehr viel
später, im 2. Jahrhundert n. Chr., der Glaube an Apolls Wunderkraft
zu wanken begann, da hat man apollinische Wundergeschichten zur
Erbauung der Frommen und Stärkung Zweifelnder verfertigt. Eine
Probe scheint der von Schubart, Hermes 55, 1920, S. 188ff. ver-
öffentliche Papyrus zu enthalten. Diese Apollaretalogie lehnt sich
offenbar ebenso an den Typus der Sarapis-Aretalogien an wie jene
oben besprochene an die ιάματα des Asklepios.
Antike Haarwnnder.
Da ich in den antiken Heilungswundern S. 89 zum epidau-
rischen Haarwunder wenig Parallelen angab, und in der reichhaltigen
neueren Literatur über Haaropfer und Verwandtes die Haarwunder
10) Meine Ergänzungen dazu in Syll.3 sind jetzt zu berichtigen nach dem
neuen Bruchstück Άρχ. Έφ. 1918, 158.
u) Pomtow, Philol. LXXl, 33 ff.
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