Mitteis, Heinrich; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1926/27, 3. Abhandlung): Politische Prozesse des früheren Mittelalters in Deutschland und Frankreich — Heidelberg, 1927

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Heineich Mitteis:

IX.
Käme es bloß darauf an, die historischen Konsequenzen der
Aburteilung Johanns zu ziehen, so wäre der Fall hiermit erledigt.
Aber uns interessiert ja vor allem das juristische Problem der sog.
„zweiten Verurteilung“. Zu dessen weiterer Klärung müssen wir
uns Ereignissen zuwenden, die durch eine erhebliche Zeitspanne
von dem eigentlichen Prozesse getrennt sind. Bekanntlich hatte
Johann am 15. Mai 1213 sein englisches Reich dem Papste zu
Lehen aufgetragen, um in außen- wie innenpolitischen Schwierig-
keiten einen Bundesgenossen zu haben1. Am 4. März 1215 hatte
er das Kreuz genommen2. Die Quittung dafür ist die Ungültigkeits-
erklärung der Magna Charta durch Innozenz III. (24. August
1215) 3. Daraufhin knüpft eine Gruppe englischer Barone Bezie-
hungen mit Philipp Augusts Sohn Ludwig an, verspricht ihm die
englische Königskrone4 und bereitet seine Landung in England
vor. Nun erfolgt Bannung der Barone, Verwarnung Ludwigs durch
Innozenz5. Der päpstliche Legat Guala läßt sich auf dem zur Be-
ratung des Kreuzzugs angesetzten Reichstag zu Melun (25. April
1216) auf Prüfung der Ansprüche Ludwigs ein, und hierbei wird
die Verurteilung Johanns erneut zur Sprache gebracht.
Aber eigentümlich! Die Darstellung, die hier dem päpstlichen
Legaten gegeben wird, weicht grundlegend von allen unsern bisher
gewonnenen Anschauungen ab. Ein ungenannter Ritter trägt näm-
lich folgendes vor6:
Domine rex, res notissima est omnibus, quod Johannes, dictus
rex Angliae, pro Arthuri nepotis \sui] proditione, quem propriis mani-
bus interemit, in curia vestra per judicium parium suorum

1 Cartellieri, a. a. O., IV, 2, 360f.
2 K. Norgate, John Lackland, p. 226, n. 3.
3 Bemont, Chartes des libertes anglaises, [Coli, des textes] 1892, 41, Nr. 6.
4 Als Königswahl würde ich den Vorgang nicht auffassen. A. M. Car-
tellieri, a. a. O., 512. Beachte auch die vorsichtige Fassung Roger von
Wendovers (Matthaei Paris, Chron. maj. ed. Luard [1874] II, p. 647):
Cumque aliquandiu quem eligerent hesitassent, demum in hoc pariter consen-
serunt, ut Lodovicum filium Philippi regis Francorum sibi praeficerent, et
ipsum in regem Angliae sullimarent.
5 Cartellieri, a. a. O., S. 514.
6 Quelle ist die Chronik des Roger von Wendover, die in der Chronica
maiora des Matthaeus Parisiensis wörtlich inseriert und nur mit Zusätzen
versehen ist. Vgl. Luard, a. a. 0., II, p. 652.
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