Lohmeyer, Ernst; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1927/28, 4. Abhandlung): Kyrios Jesus: eine Untersuchung zu Phil. 2,5-11 — Heidelberg, 1928

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Ernst Lohmeyer:

Kyrios ist an Jesus gleichsam fortgegeben. Und diese Fortgabe
bedeutet, wie gerade dieser Psalm zeigt, daß die Welt vom Joch
des Teufels befreit und zur Einheit mit Gott zurückgeführt ist,
die in dem Bekenntnisse des Alls sich preisend kundgibt. Für diese
Einheit, die letztlich auf Gottes Tat zurückgeht, läßt sich kaum
ein bezeichnenderes Wort finden, als dieses eine: „Vater“1. So
sehr es auch in jüdischem Sprachgebrauch Analogien haben mag,
so gewiß gibt sich dennoch in der Ersetzung des xupiop 6 Fsop durch
Fsop -«.TYjp eine grundsätzliche Unterscheidung des jüdischen und
urchristlichen Denkens kund.

III.
Es ist notwendig, die Ergebnisse der Einzeluntersuchung
zusammenzufassen und abzurunden. Der Psalm, der in so starker
Geschlossenheit der Form wie des Inhalts auftritt, scheint doch
alles andere als ein Psalm zu sein. Denn wo wäre hier von dem Heil
oder Unheil, der Not und der Seligkeit einer gläubigen Seele oder
Gemeinde ein Wort gesagt, wo fände sich überhaupt eine Beziehung
auf ein glaubendes Ich? Fast alle uns sonst bekannten, jüdischen
oder urchristlichen Psalmen, können dieses Momentes nie entraten,
und wenn sie von Taten Gottes sprechen, erlebten oder erhofften,
so fehlt niemals der seelische Zug, der ihnen eine unmittelbare Be-
deutung für das eigene Herz gibt. Dieser Psalm erzählt von einem
Geschehen, das alle menschlichen Begreiflichkeiten übersteigt, das
von den Nöten und Freuden des Herzens stumm ist und um so
beredter von den Mächten Gottes und der Welt spricht. Und dieses
Geschehen zwischen Himmel und Erde wird in einer schlichten und
doch wohl erwogenen Sprache und einer gleichsam unbekümmerten
Gegenständlichkeit geschildert, als handle es sich um einen natur-
haften Vorgang oder eine Erzählung aus alten, unnennbaren Tagen.
Damit setzt es bei dem Dichter dieses Psalmes eine geistige Haltung
voraus, der die Probleme der gläubigen Seele fern, das Problem der
naturhaften und geschichtlichen Welt alles ist, oder vielleicht
genauer: der die Fragen nach dem Heil der eigenen Seele in der
größeren Frage nach dem Sinn und Schicksal der Welt aufgehoben
und nur mit ihr und in ihr gelöst sind. Verwandte Art zeigen wohl
Gedichte, die in jüdische Apokalypsen eingestreut sind; aber es
fehlt diesem Psalm die Unmittelbarkeit des visionären Erlebnisses.
1 Zum Vaternamen im Judentum vgl. Strack- Billerbeck J 392—396;
410, und meinen Aufsatz in ZNTW 1927 169 ff.
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