Lohmeyer, Ernst; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1927/28, 4. Abhandlung): Kyrios Jesus: eine Untersuchung zu Phil. 2,5-11 — Heidelberg, 1928

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Kyrios Jesus.

11

VII.
Wie die Gedanken dieses Psalmes in der Mitte stehen zwischen
der jüdischen Menschensohndogmatik und der johanneischen
Logosspekulation, so können sie vielleicht noch eine andere Rich-
tung der christologischen Anschauung im Urchristentum klären
helfen: die hohepriesterliche Betrachtung des Hebräerbriefes.
Von ihr muß noch kurz die Rede sein, damit aus dieser eigentüm-
lichen Weiterbildung die ursprünglichere Betrachtung dieses
Psalmes ein neues Licht empfange.
Mit einem großen Akkord setzt der Hebräerbrief ein: Christus,
das Ende einer Reihe von Gottesoffenbarungen, weil er ihr Anfang
und ihre Mitte ist; er, der Erbe des Alls, weil er der Mittler der
Schöpfung des Alls war; er das ewige Urbild Gottes,Abglanz von
seinem Glanz und darum allen Engeln überlegen. Es ist nicht
schwer, den einheitlichen Gesichtspunkt aufzuzeigen, durch den
diese Fülle ehrender Prädikate verbunden sind; es ist, um es mit
den Worten unseres Psalmes zu sagen, der Gedanke der ursprüng-
lichen ,,Gottgleichheit“ des Menschensohnes, der durch ein ge-
schichtliches Dasein zum Kyrios erhöht wurde. Denn in ihm
ist zunächst der Gedanke gesetzt, daß in der Geschichte der Welt
die Spuren einer fortlaufenden Kette göttlicher Prophetie zu finden
sei. Der ,,Gott-gleiche“ enthüllt ja den Plan, welcher der Schöpfung,
Erhaltung und Vollendung der Welt zugrunde liegt; er ist sein
sichtbar und begreifbar gewordenes Denken. So ist er, weil dieses
göttliche Denken in der Zeit sich offenbart, das Ende aller Prophetie,
und ist, weil es Vollendung eines göttlichen Denkens ist, zugleich
ihr Prinzip, d. h. religiös gesprochen, ihr vorzeitlicher Anfang und
ihre zeitlose Mitte. So ist er Mittler der Schöpfung. Indes ist hier
genauer der Gedanke der Gottgleichheit bestimmt; er ist aus der
Unbestimmtheit, die das Wort von dem „Sein in göttlicher Gestalt“
noch atmete, befreit zu der metaphysischen Bestimmtheit des
„Sohnes“. Als Sohn ist er ein „Abglanz der Herrlichkeit Gottes“
(1, 3) — es ist sehr bezeichnend, daß hier das Wort SoE,a begegnet,
das auch in der ersten und letzten Strophe des Philipperpsalm.es mit
gesetzt war — und ist ein „Ebenbild seines Wesens“, der „das All
trägt durch das Wort seiner Kraft“. Wenn endlich hier von der
errungenen und gleichwohl besessenen „Überlegenheit über die
Engel“ (1, 3) gesprochen wird, so ist das gleiche mit der Gebärde
der Unterwerfung ausgesprochen, mit der die „Himmlischen“ sich
„im Namen Jesu“ beugen. Und in der Tat ist „der weit höhere
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