Güntert, Hermann; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1932/33, 1. Abhandlung): Labyrinth: eine sprachwissenschaftliche Untersuchung — Heidelberg, 1932

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Hermann Güntert:

ursprünglich örtlich auf das engste gebunden. Erst die Satrapen-
familie der Hekatomnaden von Karien (also von 395 v. Chr. ab)
hat diesen bescheidenen Phylengott zum Familienbeschützer erhoben,
Münzen mit seinem Bild schlagen lassen und ihn so bekannter ge-
macht. Was soll unter diesen Umständen sachlich dieser Λά-
βραυνδος, der Schutzheilige einer Phyle von Mylasa, ein enger Sonder-
gott, mit dem Labyrinth zu tun haben? Und dabei hängt sein Bei-
name sichtlich zusammen mit dem Orte τά Λάβρανδα. (Herodot),
Λάβραυνδα (Strabon), Λάβρενδα (inschriftl.), der nördlich von Mylasa
am karischen Latmosgebirge lag. Der Name oder vielmehr Beiname
Labraundos (Λάβραυνδος inschriftlich, Λαβρα'.υνδος, Λαβρενδος,
Labraynclos Plinius, Λάμβραυνδος, Λαβρανδεύς Plutarch, Labrandius
Lactantius, Λαβρανδηνός inschr.) kommt, wie fast alle anderen Bei-
namen oder Lokalbezeichnungen des karischen Zeus, von einem
Ortsnamen. Wissen wir doch aus Inschriften, daß das Heiligtum
auf einem Berg bei Labranda zu Mylasa gehörte; eine heilige Straße
führte 60 Stadien lang hinauf auf die Anhöhe. Die Griechen nannten
den Gott Ζευς Στράτιος.1 Der Labraundos ist also der «Gott von
Labraunda» und bedeutet, dem Namen nach, sicher nicht etwa «Beil-
gott». Unter diesen Umständen fällt es schwer ins Gewicht, daß
Labraundos oder auch nur ein Gott der Tesup-Art auf Kreta weder
archäologisch noch durch literarische Zeugnisse nachweis-
bar ist: die Doppelaxt allein vermag nichts für einen solchen Gott
zu beweisen. Zudem ist der wieder ausgegrabene Palast von Knossos
eine Königsburg mit Priestergrab und Kapellen, aber kein eigent-
licher Tempel gewesen.
3. Halten wir uns vielmehr nur an die Überlieferung, so war
mit dem Labyrinth niemals die Vorstellung eines Heiligtums oder
eines Kultes vom axttragenden Gott verbunden, sondern bekanntlich
die eines Gebäudes mit einer verwirrenden Anzahl von gewundenen
Gängen, aus denen einen Ausgang selbst der Erbauer, Daidalos,
nur mit Mühe fand. Es ist schwer denkbar, daß ein Palast oder
auch eine mächtige Ruinenstätte allein Anlaß zu diesem stets und
dauernd mit dem Wort Labyrinth verbundenen Begriff von «ge-
wundenen Irrgängen» in eigentlicher und übertragener Bedeutung
gegeben habe. Vielmehr denkt man unwillkürlich als Bedeutungs-
parallele an die römischen Katakomben. Und daß wir tatsächlich
damit das Labyrinth richtiger auffassen, beweist die Angabe im

1 Vgl. Ganszyniec PWRE 2XII, 1, 1924, 277ff.
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