Güntert, Hermann; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1932/33, 1. Abhandlung): Labyrinth: eine sprachwissenschaftliche Untersuchung — Heidelberg, 1932

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Labyrinth.

Etym. Magn.: Λαβύρινθος· έν τη Κρήτη έστίν ορος, έν ώ σπήλαιον
άντρώδες δόσκολον περί τήν κάθοδον καί δυσχερές περί τήν άνοδον, έν
ώ λέγεται ό Μινώταυρος έμβληθήναι. Auch bei Gortyn auf Kreta
gab es ein Labyrinth; es war ein verlassener Steinbruch.1
4. Damit haben wir das richtige Begriffsfeld abgegrenzt, um
zwar ebenfalls jene lautlich anklingenden Wörter zu verbinden, ohne
doch andererseits den unhaltbaren sachlichen Behauptungen aus-
geliefert zu sein, die seither die Deutung des Wortes «Labyrinth»
so unbefriedigend machten: Trennen wir in *labur-intho-s das be-
zeichnende Suffix ab, so bleibt ein Stamm *labur-, der in λάβρυς,
Λάβραυνδος als Habrn- wiederkehrt. Nun ist nicht nur rein pho-
netisch ein Übergang von zwischenvokalischem h in v einer der
häufigsten Lautwandlungen, sondern im besonderen läßt er sich
für ägäisch-kleinasiatischen Sprachstoff auch sonst belegen, z. B.
θασους und Βασσους (Athen. Mitteil. 10, 320), Βαβους : Ούαδους
(Kretschmer WZKM 13, 356 ; Einl. 223), altphryg. Λρεκυν : Βρέκυν
(vgl. Autran, Tarkondemos 1922f., 46f.) u. ä. Dieses la(v)ur-
aber liegt dem griechischen λαύρα, episch jonisch λαύρη «steiniger
Hohlweg, gepflasterte Straße, in Felsen eingehauener Weg, Rinn-
stein» zugrunde, von dem der Name des an Silberbergwerken
reichen Laurion weiter abgeleitet ist, des bekannten Berges im süd-
lichsten Attika; LIesych kennt auch Λαΰρον μέταλλον αργύρου παρά
Άθηναίοις, wo also die unerweiterte Form noch bezeugt ist. In
christlicher Zeit wird mit λαύρα, λάβρα das ringsummauerte Kloster,
die Zelle und Klause des Mönches, bezeichnet, und in dieser Be-
deutung ist das Wort ins Slavische (altbulgar. lavra, russisch lävra,
serbisch lävra) entlehnt worden. Λαβύρινθος ist also «Steinbruch,
Bergwerksanlage mit vielen Schächten, Grotten, Gängen und Stein-
höhlen», und das Wort wurde dann auf die Ruinenstätte von
Knossos übertragen, wie auch der Steinbruch von Gortyn so hieß:
mächtige Ruinen von Steinbauten mit zertrümmerten Kellern, zer-
borstenen Säulen, Gewölben, Kammern und Bergwerksanlagen mit
Stollen, Grüften und unterirdischen Gängen konnten so genannt wer-
den; die Sagen, die sich um verlassene Steinbrüche, Bergwerke und
verfallene Steinbauten rankten, haben erst den längst in Trümmern
liegenden Königsbau des Minos im engeren Sinne zum «Labyrinth»
gemacht; denn ein «eigentliches» Labyrinth hat man in Knossos ja
nicht gefunden! Es war offenbar einmal Sitte, bei Bergwerken
1 Fabricius bei Roscher Lex. d. Myth. 2, 1780.
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