Dibelius, Martin; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1941/42, 2. Abhandlung): Rom und die Christen im ersten Jahrhundert — Heidelberg, 1942

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Marti* Dibelius:

Auch die Behandlung der Christen und des Christentums durch die
Obrigkeit ist offenbar noch nicht zum Problem geworden. Niemand
kann überhaupt aus diesem Text entnehmen, daß liier ein christ-
licher Apostel eine christliche Gemeinde ermahnt. Paulus hat eine
traditionelle Mahnung der hellenistisch-jüdischen Paränese weiter-
gegeben, ohne sie mit einem besonderen christlichen Stempel zu
versehen.
2. Der christliche Charakter dieser wie mancher anderen Par-
änese beruht einzig in der Aufnahme der überlieferten Mahnung in
die christliche Ermahnungsreihe. Wenn der Apostel sich derartiges
aneignet, so will er sagen, daß man auch ,,in Christus“, d. h. als
Christ, das gleiche tun soll, was von den anderen, den Nichtchristen,
gefordert wird. Wenn der Christ dieser Mahnung folgt, so unter-
scheidet er sich von jenen anderen immer noch durch zwei Beson-
derheiten: durch die radikale Motivierung seines Tuns — der Christ
handelt als Angehöriger einer neuen Welt -— und durch die escha-
tologische Einschränkung: der Christ glaubt, daß die Dinge der
alten Welt — auch die Obrigkeiten — demnächst vergehen wer-
den. Wenn es also Röm. 13, 1 heißt: ,,die vorhandenen Obrig-
keiten sind von Gott geordnet“, so hört der Christ aus dieser For-
mulierung heraus: „die noch vorhandenen“ und „solange sie noch
vorhanden sind“. Wer diesen besonderen Sinn der christlichen For-
derung bezweifelt, weil er im Wortlaut nicht zum Ausdruck kommt,
der lese den Schluß der ganzen Ermahnungsreihe, der sich auf alle
Forderungen bezieht, Röm. 13, 11: „und dies (alles tut) im Wissen
um den Zeitpunkt, daß schon die Stunde für euch gekommen ist,
vom Schlaf zu erwachen, denn unsere Erlösung ist uns jetzt näher
als damals, da wir zum Glauben kamen.“ Von da aus erklärt sich
auch, warum der Christ keinen Unterschied macht zwischen ge-
rechten und ungerechten Obrigkeiten: es lohnt sich nicht mehr,
die Christen können und wollen das Bestehende nicht mehr ändern;
so soll — für diese kurze Zeitspanne — in Geltung bleiben und
respektiert werden, was in Geltung steht. Der Gehorsam, den
Paulus fordert, ist also zeitlich begrenzt und unterscheidet sich da-
durch von der unbegrenzten Loyalität einer patriarchalischen Auf-
fassung. Die Meinung ist nicht, daß das Bestehende durchweg gut
ist, sondern daß es, weil es immerhin dem Guten dient, in voller
Macht bestehen bleiben soll bis zum baldigen Ende.
Andererseits muß aber auch betont werden, daß diese esclia-
tologische Begrenzung die einzige Einschränkung der Loyalitäts-
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