Seebaß, Gottfried; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1985, 4. Abhandlung): Die Himmelsleiter des hl. Bonaventura von Lukas Cranach d. Ä.: zur Reformation e. Holzschnitts ; vorgetragen am 15. Dezember 1984 — Heidelberg: Winter, 1985

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Gottfried Seebass

dungssituation vor zwei Wegen.57 Gleichwohl bezeugen die Erarbei-
tung der Gesamtkonzeption, aber auch die Durchführung im einzel-
nen die geniale Invention des großen Meisters.
IV.
Von Anfang an war der Holzschnitt, wie schon die Beschreibung
zeigte, auf eine Verbindung von Wort und Bild hin konzipiert. Dem
müssen wir im folgenden für die verschiedenen Fassungen nachgehen.
1. Die vorreformatorische Version (Abb. 26)
Schon seit dem 14. Jahrhundert wird es üblich, Andachts- und
Glaubensbilder sowie allegorische Darstellungen mit Schriftbändern
zu versehen, um auf diese Weise die Aussagen der dargestellten Per-
sonen mitzuteilen oder das Gesamtgeschehen zu deuten.58 So ist es
auch bei der Cranachschen Himmelsleiter, deren Gesamtsinn ohne
die hinzugefügten Texte nicht zu greifen ist. Schon die Überschrift der
ältesten Fassung (Abb. 11) schlägt das Hauptthema des Blattes an:
„Eiu [!] kurtz andechtigs himelisch Leitterlein angegeben von dem
heiligen Bonauentura An welchem die Christglaubigen leicht erstei-
ge[n]59 mögen [können] den vehsten hochen himel“.60 Dieses Thema,
vor allem aber die eigentliche Leiter, wird dann durch die Unterschrift
der ältesten uns bekannten Fassung der Hölle (Abb. 18) sehr ein-
gehend und genau erläutert: „Gleich als in einer leipliche[n] leittern
drey orther sein Nemlich d[er] ober orth/ d[er] nyd[er] orth vn[d] zwen
seit orthe ad [er] leitter beume zcwischefn] welche[n] sprussen Also fm-
destu auch drey gemelte orthe in diser geistlichen leittern. Der vnter
orth der do auff die erde fußt bedeuth Furcht höllischer ewiger pein
Der ober orth der biß an den himel reicht/ gibt vns an lieb ader begirde
57 Vgl. dazu Schuster in: Luther und die Folgen für die Kunst, S. 117-120.
38 Vgl. die Beispiele in: Martin Luther und die Reformation in Deutschland, S. 229f,
Nr. 288; S. 336f, Nr. 446; S. 338, Nr. 448; S. 375, Nr. 498. Gerade in ihrer agitatori-
schen Graphik hat die Reformation diese Tendenz erheblich verstärkt, vgl. ebd.
S. 219-254 und insgesamt Scribner, Simple Folk, passim.
59 In dieser Weise sind die zusammengedruckten Worte im Gegensatz zu Schuchardt,
Cranach 2, S. 237, zu trennen.
60 Die Texte dieser Fassung sind am besten zu lesen in der Wiedergabe bei Geisberg,
Einblattholzschnitt 6, Nr. VI, 22 und VI, 23.
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