Windelband, Wilhelm; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1910, 14. Abhandlung): Über Gleichheit und Identität — Heidelberg, 1910

Page: 3
DOI Page: Citation link: 
https://digi.hadw-bw.de/view/sbhadwphkl_1910_14/0003
License: Free access  - all rights reserved
0.5
1 cm
facsimile
In der Festschrift für Sigwart (Tübmgen 1900) habe ich
einen Entwurf zum System der Kategorien versucht, der sich
auf der Unterscheidung reflexiver und konstitutiver Kategorien
aufbaute. Von dem Kantischen Prinzip der Synthesis aus, das
in gleicher Weise das logische Wesen des Begriffs wie des Ur-
teils ausmacht, wurde der Grundunterschied entwickelt, daß
die Beziehungen, die im Urteil vollzogen und im Begriff fest-
gehalten werden, entweder solche sind, welche die Vorstellungs-
elemente erst durch das beziehende Denken und nur in diesem
gewinnen, oder solche, welche zugleich als wirkliche Verhält-
nisse der Gegenstände gedacht werden. Diese Unterscheidung
war prinzipiell auf die von Kants formaler und transzenden-
taler Logik orientiert, die dabei freilich einige Verschiebungen
erfuhr; sie traf irn Ergebnis, wenigstens zum Teil, mit der
Art zusammen, wie Ed. v. Hartmann die Kategorien des reflek-
tierenden Denkens denen des „spekulativen“ Denkens gegen-
übergestellt hat: ihr systematischer Leitgedanke aber war der
Aufweis der intimen Analogien, welche durchgängig zwischen
den beiden Klassen der Ivategorien bestehen. Diese Zusammen-
hänge festzustellen, war mir bei jener vorläufigen Veröffent-
lichung das Wichtigste: sie hatten sich mir aus Erwägungen
über das Verhältnis der beiden logischen Systeme des Kritizis-
mus ergeben. Kant hatte die Gemeinschaft beider in der ,,Tafel
der Urteile“ gefunden, aus der sich ihm die „metaphysische
Deduktion“ der Kategorien 1) ergab. Je mehr die Künstlichkeit
und Unhaltbarkeit dieser Verknüpfung von formaler und tran-
szendentaler Logik eingesehen wird, um so bedeutsamer erhebt
sicli die Frage, worin dann die von der Einheit des logischen
Denkens unweigerlich verlangte Zusammengehörigkeit cles ana-
lytischen und des synthetischen, des formalen und des er-
kenntnistheoretischen Systems zu suchen sein soll. Meine Auf-

U Vgl. Krit. d. rein. Vern., B„ § 26, S. 159. W. W. III, 124.

l*
loading ...

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften