Braune, Wilhelm; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1916, 11. Abhandlung): Reim und Vers: eine wortgeschichtliche Untersuchung — Heidelberg, 1916

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WlLHELM BRAUNE:

als Bezeichnung für ein kurzes Gedicht, oder reBue im verächtlichen
Sinne für minderwertige Verse, indem dem Verfasser unterstellt
wird, cfaß er mit dem Reime ringend den Inhait vernachlässigt
habe^).
Dagegen hat neben seiner normalen Geitung noch eine
zweite, die heute wesentlicb unterliterarisch ist. Was im mhd.
hieß (Plur. dm = nhd. Lied), im 16., 17. Jahrhundert
(DwB. IV, 1, 2, 4075f.) und (ib. 4080)^), und was
heute in der korrekten Hochsprache mit ^ropAe bezeichnet wird,
das heißt in der Umgangssprache allgemein eer^, so daß zwischen
den beiden Anwendungen von eer^ noch eine große Verwirrung
besteht. Unter dem Vers eines Liedes versteht man clem allge-
meinen Sprachgefühl nach noch heute die Strophe, nicht bloß
kirchlich als ^Gesangbuchvers', 'Liedervers', worin diese Geltung
von Vers hesonders festsitzt, sondern auch für die Strophen welt-
licher Lieder. Beim studentischen Kommersgesange spricht der
Präses nicht von Strophen, sondern er kommandiert: Wers 1, Vers 3
usw.'. Die jetzt als korrekt geltende Bezeichnung 'Strophe' wird
in der Umgangssprache als fremdartig empfunden und ist erst seit
kaum hundert Jahren durch gelehrten Einfluß alimählich einge-
bürgert wordeW). Noch die älteren Germanisten (Lachmann,
0 In diesem Sinne auch reünerL (DwB. 8,673f.). Vgl. den bekannten
Buchtitel Sacers 'Reime dich, oder ich fresse dich' (1673).
2) Die Artikel im-DwB. sind von R. HiLDEBRAND (oder K. IÄANT?).
^) Zuerst erscheint als gelehrtes Fremdwort bei den deutschen
Renaissancepoeten des 17. Jahrhunderts. Diese nannten ihre deutschen
gereimten Lieder 'Oden' und statt gesatz brauchten sie sn-opf!e. So schon bei
Opitz, Poeterei(Neudr.) S. 46 und weiter in den gelehrten Poetiken bis auf
Gottsched. Dieser unterscheidet cers und slropAe ganz genau. Bemerkenswert
ist seineÄußerung (Versuch einer krit. DichtkunsP 1742 S. 418): 'Die Strophen
einer Ode, oder wie unsere Alten nach Art der Griechen sagten, die Gesetze
derselben' usw. Nur die Puristen vermeiden das Fremdwort. Zesen sagt
oder gesüus. Bei ihm heißt es (Hochdeutscher Helikon 1656 S. 223): 'Es
hat aber ein satz eine gewisse Zahl derReimbände [d.i. 'Reime'], nach welcher
sich die folgenden alle richten müssen, in sich: daher wird er von den Griechen
GTpopY), das ist Wiederkehr genennt . . . Dieser Name kömnit sonst den
gesätzen der Gesanggedichter und Lieder zu,' usw. Dnd Schottel führt für
Strophe das deutsche Wort ein (Haubtsprache S. 922), welc.hes
er von da an braucht. Gelegentlich wendet er aber doch noch Strophe an,
auch 'Reimschluß oder Strophe', z. B. S. 957. Doch hat er damit keine Nach-
folge gefunden. Iin allgemeinen tritt bis ins 18. Jahrhundert hinein Strophe
wesentlich in gelehrter Uipgebung auf und ist in weitere IÄreise nicht ein-
gedrungen.
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