Braune, Wilhelm; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1916, 11. Abhandlung): Reim und Vers: eine wortgeschichtliche Untersuchung — Heidelberg, 1916

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ReimundVers:

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Uhland) versuchten statt dessen das alte wieder zu
belehen (s. DwB. a. a. 0.). Aher das ist nicht geglückt. Es hat
freilich bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts in der Schriftsprache
geiebtl), und interessant ist der im DwB. gegebene Nachweis, daß
Gellert im ersten Drucke der Betschwester (1745) noch schrieb
nu'Men m dem ge^ü^ze eme^ Lede^, während er 1748 dies ändert in
nn'Men in de?n cer^e eine^ Lede^. Von da ab hatte also cer^ in der
Schriftsprache die zw^ei ganz verschiedenen Bedeutungen, bis
schließlich ^ropAe immer mehr durchdrang. Aber trotzdem
schwankt noch jetzt das Sprachgefühl in der Anwendung des
Wortes cer^.
Hinzu kommt noch eine dritte sehr merkwürdige Anwendung
von cer^: der &;'&e^er.?: Die einzelnen Sätze, in welche die Kapitel
der Bibel eingeteilt werden, heißen Verse, trotzclem sie Prosa sind.
Es gilt nun den heutigen Gebrauch von rezW und cer^ aus
dem äiteren abzuleiten und zu fragen, wann und wie die Bedeu-
tungswandlungen zustande gekommen sind.
4.
Wir untersuchen zuerst die Geschichte des nhd. Wortes
ce?A in seiner mehrfachen Anwendung als Einzelvers, als Vers-
gruppe im Liede (Strophe) und als Vers in der Bibel. Der Artikel
cer^ im DwB. 12, 1029f. (1895) von E. WüLCKER ist ungenügend:
er hat das Problem gar nicht erfaßt und zählt nur die Bedeutungen
auf, ohne jeden Versuch einer historischen Darstellung.
Das Fremdwort cere ist schon in der ahd. Zeit als W'iedergabe
des lat. cereue aufgenommen und zwar von Anfang an in dessen
zwei verschieclenen Anwendungsweisen. Einmal als versus metricus
in der lateinischen gelehrten Dichtung und zweitens als kirchliche
Bezeichnung eines biblischen Satzes aus den poetischen Büchern
des alten Testaments. Insbesondere sind es die Psalmen, deren
ADELUNG, Wb.^2,625 sagt s. v. Gesetzl: '... Absatzeines Ge-
üichtes oder einer Schrift; in welcher Bedeutung es aber veraltet ist, außer
daß bei dem gemeinen Manne einiger Gegenden eine Strophe eines Liedes
... noch ein Gesetz genannt wird'. Bis ins 19. Jahrh. hat sich gesaüz
für Strophe in Oberdeutschland gehalten, besonders im alemannischen. Das
DwB. bringt dafür einige Belege, darunter aus Berthold Auerbach. Und
das schweizerische Idiotikon 7, 1578 weist gesa^z, gescüzü' als noch heute
lebend nach. Vgl. auch ScHMELLER-FROMMANN, Bayer. Wb. 2, 342 s. v.
gesatz, gesdüzletn; H. FiscHER, Schwäbisches Wb. 3, 446. s. v. geeatz.

Sitxungsberichte d. Heidelb.Akad.,pbil.-hist.Kl. 1916. ll.Abh.

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