Braune, Wilhelm; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1916, 11. Abhandlung): Reim und Vers: eine wortgeschichtliche Untersuchung — Heidelberg, 1916

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WlLHELM BRAUNE:

aus gegeben, wie es jetzt auch noch zu geschehen pflegt. Schottel
hraucht rehu. und ee/^ stets als synonyma, ebenso 7*e?7??A:??7?^/ und
eer^A;????^. Aber in einer bemerkenswerten Erörterung gibt er
S. 800 im modernen Sinne dem Worte eer^kM/z^ den Vorzug.
Der Kampf um die Bedeutung von reim wird erst um die
Alitte des 18. Jahrhunderts entschieden. Zwar haben wir oben
S. 15 (13 Anm. 2) bemerkt, daß noch jetzt in einigen übertragenen
und umgedeuteten Anwendungen reiw aus der alten Bedeutung zu
erklären ist (reO??e = Spruch oder kurzes Gedicht, 7W7??-
/irecA????^), daß aber reB/z für einen einzelnen Vers, ohne mögliche
Beziehung auf den 'Beim', heute ausgeschlossen ist. Das letzte
Beispiel für diese Anwendung in der Grundbedeutung bietet das
Dwu. 8, 665 in einer Stelle aus Wielands Idris 23 (1767): .su
7?e7?7?' icA ^?e, hcwW her reD?? ^?cA /hMe??. /u^e, wo das innere des
Verses gemeint ist und jede Beziehung auf den 'Beim' fehlt. Nur
in dem Compositum keAr/'ei??? lebt noch heute 7'ei??? als Einzelvers
weiter. HiLDEBRAND im DwB. 5, 427 hat nachgewiesen, daß der
erste literarische Beleg des Wortes bei Bürger zu finden sei. Vgl.
dazu MiNOR, Nhd. MetrilG 4271. Bürger selbst, der das Wort zur
Wiedergabe A^on Refrain einführte, nahm daran Anstoß, daß der
HCehrreim' oft aus reimlosen Versen besteht. Er fand das Wort
unzutreffend und wollte ke/?r^u/z, A:e/?7W7??, uheheT-^u/z vorscblagen.
Schon daraus geht hervor, daß das Wort alt sein muß und von
Bürger unverstanden aus der unterhterarischen Sphäre des geselii-
gen Gesanges übernommen worden ist. Aucii das von Goethe im
Faust gebrauchte gleichbedeutende 7W7?hre???? (DwB. 8, 515) stammt
aus derselben QuelleN- Dem jetzigen SprachgefühlwürdekeAree?'^
Qi?7?hee7'^) als Übersetzung von A;eA7'7'e?7??, Q'????h7'e?7??J entsprechen.
Bei HoFFMANN v. FALLERSLEBEN, Geschichte des deutschen
Kirchenliedes^ S. 46 finde ich in der Tat, /?e/?7'ce7'^ für Refrain ge-
braucht, ohne daß dies Nachfolge gefunden hätte. In ZceArre?/??
Q'??7?h7'e?7??) haben wir also den letzten, heute unverständlichen
Rest der ursprünglichen Bedeutung von 7'e?7??.
6.
Mhe ist nun im 17. Jahrhundert die Bedeutungswandlung
von 7'e?7?? = Vers zu 7'e?7?? = homoeoteleuton zustande gekommen ?
Sie stellt den Vorgang dar, daß die Bezeichnung eines Ganzen
B Goethes 'Rundreim' ats s/e L/e/; /n; ist reimlos, nach Pusch-
mann also ein bloßer Reim oder Waise.
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