Braune, Wilhelm; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1916, 11. Abhandlung): Reim und Vers: eine wortgeschichtliche Untersuchung — Heidelberg, 1916

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ReimundYers.

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bei Gornel. Heinr. Dretzei 'Des evangeiischen Zions Alusicalische
Harmonieübung' (Nürnberg 1731) heißt es stetsVers 1 (2, 3 usw.).
Außerhalb des eigentiichen Kirchenliedes begegnet ee/Y für Strophe
in Johannes Hübners zweymai zweyundfünfzig auserlesenen bib-
lischen Historien (Leipzig 1714). Daselbst ist jeder Historie eine
aus 6 Aiexandrinern bestehende Strophe a b a b c c 'Gott-
selige Gedancken' angefügt, worüber der Verfasser in der Vorrede
sagt: 'So habe ich eine iedwede Historie mit einem kurtzen Verse
beschiossen, der ailemal einen guten Gedancken in sich hält'.
Aber auch im weltiichen Liede.wird jetzt durch ee/Y
abgelöst. In Joh. Ad. Hillers Liedern für Kinder 1769 heißt es
cerV). Von da ab darf der volkstümliche Sprachgehrauch als
herrschend gelten, welcher in der Umgangssprache noch heute
durch das schriftsprachliche Vordringen von Wtrophe' kaum ge-
schmälert ist.
Es hat sich demnach ergeben, daß die Gebrauchsweisen von
nhd. ceus, weiche von der normalen Geitung abweichen — Bibel-
vers und Liedervers —beide zur Nachkommenschaft des mittel-
alterlich-kirchlichen versus = Psaimvers gehören.
5.
Wir wenden uns nun zur Betraclitung der Geschichte der
heutigen Geltung des Wortes rA/n, welches jetzt nur den Aeimen-
den' Versschluß bezeichnet, statt des ganzen Verses. Die neue
Geltung erscheint nicht vor dem 17. Jahrhundert. In Martin
Opitz Buch von der deutschen Poeterei tritt sie zuerst deutlich auf.
Dessen 7. Kapitel (Neudruck S. 36) beginnt mit der Definition:
eine der nnd uw^er
zne ende zn'eyer oder ?neArer cer^e. Im 16. Jahrhundert tritt zwar
neben reiw schon das gelehrte Wort ceu$ auf und macht mit seinem
Durchdringen im 17. Jahrhundert das Wort reim. für eine andere
Verwendung frei. Aber den Aeimenden' Versschluß bezeichnet
rezön im 16. Jahrhundert noch nicht.
^) Dagegen gehört zur vornehmen 'Ode' auch irn 18. Jahrhundert noch die
'Strophe' (vgl. oben S. 16 Anm. 3). In der 'Sammlung verschiedener und aus-
erlesener Oden zu welchen von den berühmtesten Meistern in der Musik
eigene Melodeyen verfertigt worden besorgt und herausgegeben von einem
Liebhaber der Musik und Poesie [Johann Friedrich Gräfe] 4 Teile Hahe
1737—43' heißt es stets sit/'cp^e. Z. B. in der ersten Yorrede: 'Diesen [den
Sängern] es noch leichter zu machen, hat man die erste Strophe iedweder
Ode unter die Noten gestochen'. (Ex. im Besitze von Ph. Wolfrum.)
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