Lohmeyer, Ernst; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1927/28, 4. Abhandlung): Kyrios Jesus: eine Untersuchung zu Phil. 2,5-11 — Heidelberg, 1928

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Kyrios Jesus.

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eigenen gläubigen Erfahrung, sondern von einer geschichtlichen
Überlieferung, daß irgendwelche diese Gestalt „als Menschensohn
erfunden haben“. Damit ist das Problem gegeben, wie die Würde
des Menschensohnes mit dem Tode vereinbar sei. In diesem Problem
ist zunächst wichtig, daß nicht die Gestalt eines nationalen Messias
die Frage nach dem Sinn seines Todes ausgelöst hat; von einem
leidenden und sterbenden Messias ist hier nirgends die Rede. Die
Würde des Menschensohnes ist das eigentliche allenationalenFragen
beseitigende Rätsel und Wunder. Das Problem aber enthält zwei
weitere Fragen in sich: Einmal wie ist ein Feben und Wirken
als Menschensohn möglich, sodann wie ist sein Tod möglich ? Die
erste Frage wird hier beantwortet, indem dieses geschichtliche
Dasein in eine dunkle Präexistenz zurückverfolgt wird, über das
Wunder einer Menschwerdung zu dem Wunder der Bewährung
in einer göttlichen Versuchung. Sie sind gleichsam die festen Punkte,
an denen sich die Ahnung in das Dunkel seiner zeitlosen Existenz
zurücktastet; es sind Wunder der Tat, nicht aber ein Wunder des
Seins. Anders gesprochen, es fehlt noch jede Möglichkeit, den Men-
schensohn in seinem präexistenten Dasein anders als mit dem
Namen „der in göttlicher Gestalt ist“ zu benennen; und dieser
an sich schon unbestimmte Name läßt es weiter unbestimmt, wie es
eine und dieselbe Gestalt sei, die in dem Wechsel von dem präexi-
stenten zum geschichtlichen Dasein beharre.
So steht dieser erste Teil des Psalmes noch ganz in den Anfängen
christologischer Deutung. Sein fester Grund ist das Geheimnis
der geschichtlichen Gestalt Jesu in Feben und Tod. Und dieses
Geheimnis wird nicht durch religiöse Erwartung eines bestimmten
Volkes und einer bestimmten Geschichte zu klären gesucht, sondern
durch die religiöse Auffassung übernationaler und das heißt kos-
mischer Zusammenhänge. In ihr sind Gott und Mensch, Gott und
Welt die scharfen und menschlich unüberwindbaren Gegensätze.
So kann denn auch das im Glauben erfaßte religiöse Geheimnis
dieser Gestalt nur dadurch begriffen werden, daß es als ein Welten-
fremdes und Gotteigenes dem göttlichen Reich zugeordnet wird.
Noch fehlt eine gleichsam lückenlose substantiale Verbindung,
noch ist alles auf die reine Handlung gestellt, die auch die sub-
stantiale Veränderung schafft. Sie aber ist in zeitloser Gültigkeit
gesehen; sie muß damit auf Grund jener dualistischen Metaphysik
als „präexistente“ Tat betrachtet werden können. So ist diese
Deutung unbestimmter als die des Paulus oder des Hebräerbriefes,
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