Lohmeyer, Ernst; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1927/28, 4. Abhandlung): Kyrios Jesus: eine Untersuchung zu Phil. 2,5-11 — Heidelberg, 1928

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Kyrios Jesus.

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Welt und Vollendung' der Welt sind die gleichgesinnte Tat Gottes,
die durch das angegebene Gesetz von dem Beisammen von mensch-
licher Niedrigkeit und göttlicher Hoheit zu einer und derselben
Offenbarung wird. Kosmologie und Soteriologie sind also identisch.
Nun bedeutet eschatologische Vollendung hier nichts anderes
als das Bekenntnis des Alls: Kyrios Jesus Christos; es ist in der
Anschauung vom Menschensohn gesetzt und begründet. So muß
auch diese Gewißheit bis in die Urzeit zurückreichen, und wie sie
in der Endzeit sich in der Gestalt des Kyrios manifestiert, auch
dort in einem Träger gesetzt sein. Und dieser Träger kann nichts
anderes sein, als der Sinn von Geschichte und Welt, den Gott be-
stimmt hat; er ist Gottes Denken selbst und zugleich sein Träger.
Er ist seine völlige Offenbarung, in diesem Sinne Urbild Gottes
und zugleich das geoffenbarte Vorbild der Welt, ihres Geschehens
und Daseins, ihres Handelns und Lebens. Er ist also, johanneisch
gesprochen, der Xoyo? tou Eeou oder kurz der Logos. Der Begriff
ist hier nicht ausgesprochen, aber er ist sachlich mit gesetzt. Denn
nicht nur führen die Gedanken dieses Psalmes, in ihre Konsequenzen
verfolgt, zu ihm hin, sondern in ihm ist auch die Einheit des Trägers
gegeben, der das dreifache Anderssein verbindet, wie der Psalm
es fordert. „Göttliche Gestalt“, wie es im Anfang heißt, ist nicht
genügend; so können auch Engel heißen. Menschensohn ist wieder-
um nur der Name des in die Geschichte eingetretenen göttlichen
Wesens, das eben auf die Periode des geschichtlichen, in anderen
Schriften gelegentlich auch des nachgeschichtlichen Daseins be-
schränkt ist. Kyrios aber ist dieses eine Wesen durch Gottes Tat
geworden, und heißt es nur in Beziehung zur Welt oder auch, wenn-
gleich nicht hier, zur Gemeinde. Die Wesenheit aber, die in allen
Wandlungen unwandelbar bleibt, ist nichts nur Gestalthaftes, sei
es unter Menschen oder bei Gott, und nichts Kosmisches, sondern
ist ein in seinem Wesen unveränderlich Göttliches. Das bedeutet
wiederum, daß dieses Wesen in einziger Beziehung zu Gott steht.
Es ist deshalb das Wort zu Gottes Gedanken über die Welt, viel-
leicht noch genauer: das Beden zu Gottes Denken, es ist der Logos.
Freilich ist es die Eigentümlichkeit dieses Liedes, daß es von dem
Logos nicht redet; es läßt den Träger des Geschehens von unbe-
stimmter Göttlichkeit zu menschlicher Niedrigkeit sich erniedrigen
und nicht durch eigene Macht, sondern durch Gottes Tat zum
Kyrios der Welt werden. So ist es nur eine Vorstufe einer am
Logosbegriff orientierten Christologie; diese aber auch in aller
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