Hengel, Martin; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1982, 1. Abhandlung): Achilleus in Jerusalem: eine spätantike Messingkanne mit Achilleus-Darstellungen aus Jerusalem ; vorgelegt am 28. November 1981 — Heidelberg: Winter, 1982

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Achilleus in Jerusalem

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auch der Künstler unserer Kanne zur Darstellung bringen. Er -
bzw. schon seine Vorlage - verwendet dabei einen Topos der späten
Achilleussage. Schließlich und endlich muß auf den schroffen
Kontrast hingewiesen werden, der zwischen der verhaltenen Lie-
besszene mit Briseis bei gemeinsamem Leierspiel und der grau-
samen Wägung des toten Hektor gegen Gold besteht, bei der
Achilleus gegenüber dem bittenden Priamos und den beiden
trauernden Frauen wie ein Rachegott thront. Von der Versöhn-
lichkeit, die im 24. Buch der Ilias eine so entscheidende Rolle spielt,
ist hier nichts mehr zu spüren: Lebensfreude und unbarmherzige
Rachsucht stehen sich unvermittelt gegenüber. Dahinter mag eine
künstlerisch-literarische Tradition stehen, die in der lateinischen
Überlieferung seit Vergil greifbar wird (s. o. S. 22).
3. Erwägungen zum Gesamtentwurf, zur Datierung, Herkunft
und Form
3.1 Ob die Darstellungen auf der Kanne nicht u. a. von szenischen
Aufführungen, eventuell auch Pantomimen oder dem volkstüm-
lichen Mimus, beeinflußt sind, ist nach alledem sehr zu erwägen.
Vielleicht ließen sich auf diese Weise die auffallenden, häufig aus der
literarisch-künstlerischen Tradition herausfallenden Eigenheiten der
Kanne am besten erklären. Diese Abhängigkeit war gewiß keine
unmittelbare, sie wird schon die Vorlage des Künstlers betroffen
haben und so auf eine frühere Zeit zurückweisen. Vitruv berichtet,
daß bei Wandgemälden gerne „Theaterszenen, wie sie in Tragödien,
Komödien oder Satyrspielen vorkommen“ abgebildet wurden,
wenige Zeilen später lesen wir von Bildern, die u. a. die „troianas
pugnas“ zur Darstellung brachten. Dies mag auch für kleinere
Kunstwerke gelten78. Auf die sonderbare Gestaltung der Toten-
wägung, die sich mit der Psychostasie berührt, haben wir schon auf-
merksam gemacht (s. o. S. 28f.). So besitzen z. B. die verschieden
hohen Postamente, für die gehörnte Lyra, für Achilleus und Briseis,
den Charakter von szenischen Staffagen. Auch die Parallelität zu
der erotischen Apollo-Daphne-Szene legt eine derartige Deutung
nahe. Theater, Mimus und Pantomime waren bis weit in die byzan-
tinische Zeit hinein verbreitet und beliebt. „While all spectacles

78

De Architectura 7, 5, 2 (172, 13 f. 20 f.).
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