Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1920, 12. Abhandlung): Vom doppelten Sinn der sprachlichen Formen — Heidelberg, 1920

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Vom doppelten Sinn der sprachlichen Formen.

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Sprache als Mitteilung.
Stellen wir den Begriff „Mitteilung“ ins Zentrum des sprach-
lichen Geschehens, so ergibt sich ohne weiteres, daß zunächst etwas
da sein muß, worauf sich die Mitteilung bezieht, und dieser Be-
zugsgegenstand, mag er auch die allgemeinste, unabgehobenste
Form der „Situation“ haben, muß dem Hörenden gegeben sein,
wenn die Mitteilung für ihn Bedeutung haben soll. Sprache, als
Mitteilung, setzt ein Thema voraus. Dies gilt auch für so einfache
und scheinbar eingliedrige Sätze wie pluit, es regnet, als deren
Thema man wohl widerspruchslos das Wetter (als Teil der Situation)
bezeichnen kann: wenn derselbe Sprechende nachher sagt: Jetzt
scheint ivieder die Sonne, wird man nicht behaupten können, er
habe das Thema gewechselt.
Das Thema muß dem Angeredeten gegeben sein, sonst hat
die Äußerung für ihn keine Beziehung. Aber das bloße Gegeben-
sein genügt nicht; auch nicht, daß über ein gemeinsam Gegebenes
von mir etwas neues auszusagen ist. All das ist zwar Voraus-
setzung für das Zustandekommen der Mitteilung, aber nicht Motiv
des Sprechens. Dieses liegt vielmehr in dem Interesse, das ich
beim Hörer für das Thema voraussetze, und in meinem Willen,
dieses Interesse zu befriedigen. Damit kommen wir zum springen-
den Punkt des Thema-Begriffs, und gleichzeitig zu dem entscheiden-
den Moment, das die thematisch nicht Fixierten Äußerungen als
solche kennzeichnet. Wir können nun statt: eindeutig bestimmte
Beziehung des Gegenstandes auch sagen: eindeutig bestimmte Rich-
tung des Interesses.
Der Begriff der Mitteilung führt also mit Notwendigkeit auf
den Begriff des in seiner Richtung eindeutig bestimmten Interesses,
das mich und den Hörer mit dem Thema verbindet. Wie eine
Mitteilung willensmäßig zustande kommt, ist nunmehr vollkommen
klar, und wir brauchen uns nur die alltägliche Situation zu schaffen,
daß wir mit einem Bekannten Zusammentreffen und ein Gespräch
anknüpfen: wir besinnen uns auf gemeinsam interessierende Gegen-
stände und freuen uns, über den einen oder andern von ihnen
etwas aussagen zu können, was der andere noch nicht weiß, unsere
Meinung oder Stellungnahme auszusprechen, Fragen aufzuwerfen;
wir sprechen wohl auch schon bekannte Tatsachen nochmals aus,
um sie dann ihrerseits zum Thema zu machen. Der Anteil, den
ich beim Hörer voraussetze, und mein Interesse, diesem Anteil
entgegenzukommen, gründet sich auf die sozialen Zusammenhänge
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