Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1920, 12. Abhandlung): Vom doppelten Sinn der sprachlichen Formen — Heidelberg, 1920

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Vom doppelten Sinn der sprachlichen Formen.

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Färbung der bezeichneten Vorstellung sehr wohl denkbar, wie wir
denn z. B. mit einer Unmenge antiker Namen nur das Bewußtsein
einer bestimmten Funktion an einem bestimmten Orte oder in einer
bestimmten Gemeinschaft verbinden. Das Gleiche gilt von den
meisten der im politischen Leben begegnenden Persönlichkeiten, von
Orten, die wir nur ihrer Lage auf der Karte nach kennen usw.
Wir halten somit als wichtiges Ergebnis fest:
Die in der bewußtseinsmäßigen Gegebenheit aufs engste ver-
knüpften Sphären des Individuellen (qualitativ Unverwechselbaren)
und des Identischen (eindeutig Bezogenen) sind begrifflich aufs
schärfste zu trennen. Ihre tatsächliche enge — aber nicht unlös-
bare — Verbindung speziell in der Vorstellung menschlicher Indi-
viduen hat es verschuldet, daß bisher die Bedeutung des beziehungs-
mäßig Identischen für den ganzen Aufbau unseres Bewußtseinlebens
und damit auch für die sprachlichen Urphänomene nicht erkannt
worden ist.
Bedeutung des Beziehungsmoments für die sprachliche
Äußerung.
Um uns über diese Bedeutung klar zu werden, gehen wir
aus von dem Verhältnis zwischen eindeutiger Beziehungs-Identität
und sprachlicher Äußerung, speziell zwischen den sprachlichen
Trägern des Beziehungsmoments und dem Gegenstand der Äußerung.
’ Nehmen wir Alltagssätze wie das Haus ist geräumig, das Glas
ist trüb, der Knabe spielt im Garten’ und eliminieren wir aus ihnen
den Träger der identischen Beziehung, also das demonstrative
Element.
Sätze wie ein Haus ist geräumig, ein Glas ist trüb sagen so-
zusagen gar nichts. Sie bekommen erst einen „Sinn“, wenn wir
uns Gegensätze dazu denken: ein Haus ist geräumig, die andern
sind enger; ein Glas ist trüb, die andern sind liell ■—- wobei ein
Zahlwort ist und die Beziehung auf eine Situation mit mehreren
Häusern (Gläsern) implicite gegeben ist (ein Haus = eines der
Häuser). Anders bei ein Knabe spielt in einem Garten. Hier bleibt
auch nach Elimination der Beziehungsträger wenigstens eine Bild-
wirkung übrig. Wir können uns denken, daß so eine Erzählung
anfinge, ein Bild beschrieben würde. Hier sollen wirklich bloß
Vorstellungen erregt werden, um ihrer selbst willen, ohne Rück-
sicht auf Beziehungen. Das kann nur in im weitesten Sinne künst-
lerischer Absicht geschehen — im „interesselosen“ Spiel mit den
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