Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1920, 12. Abhandlung): Vom doppelten Sinn der sprachlichen Formen — Heidelberg, 1920

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Vom doppelten Sinn der sprachlichen Formen.

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Exkurs über den Wortstellungstypus Verbum — Subjekt.
Es knüpft sich hieran indes die Frage, wie die Erscheinung
zu beurteilen sei, daß in manchen Sprachen gerade die Spitzen-
stellung des Verbs als Norm erscheint. Auch dieser Typus
bietet, abgesehen von den besonderen geschichtlichen Bedingungen
seiner Entstehung, die Möglichkeit abstrahierender, einheitlicher
Beurteilung.
Zunächst wird der Typus Verbum — Subjekt überall da nahe-
liegen, wo die thematische Heraushebung des Subjekts unnötig er-
scheint, weil nach dem Zusammenhänge kein anderes Subjekt in
Frage kommen kann, wo aber doch nicht völlig auf die Nennung
des Subjekts verzichtet werden soll. Dieser Fall ist z. B. beim
Rollenwechsel im Zwiegespräch gegeben, und überhaupt überall
da, wo das Interesse sich dem Fortschreiten der Handlung in über-
wiegendem Maße zuwendet. So kann der Typus Verbum-—-Subjekt
als besonders der Erzählung eigentümlich und, wTo er als durch-
gängige grammatische Norm erscheint, als Verallgemeinerung einer
in den Stilbedingungen der Erzählung heimischen Stellungsgewohn-
heit aufgefaßt werden. Aber auch diese Form des Satzaufbaus
dient wieder einem ästhetischen Zweck: einer Art der verlebendigen-
den Gestaltung, die aber im innersten von jener personifizierenden
Belebung verschieden ist. Wenn wir im homerischen Griechisch
(und gewiß ließen sich aus den verschiedensten Sprachen Analogien
beibringen) die Verba des Schalls ganz vorwiegend in der an-
geführten Stellung, also ihrem Subjekt vorauseilend, vorfinden, so
entspricht die Wortfolge, etwa in der bekannten Formel dpaßpae
he xeuxe’ eu’ auiuj. der Folge der Erlebnisse in der Seele des mit-
erlebenden Zuschauers oder Hörers: er hört ein Klirren, das er
auf die Rüstung des Gefallenen zurückführt. Indem der Dichter
nun die Einstellung des erstmalig Erlebenden auch bei der Wieder-
gabe beibehält, läßt er seinen Hörer die Geschehnisse wieder „von
innen heraus“ erleben — nicht zwar vom Standpunkt des handeln-
den (leidenden) Helden oder der handelnd gedachten Dinge oder
Schicksalsmächte, wohl aber vom Standpunkt des idealen Zuhörers
oder Zuschauers. Es ist derselbe Standpunkt, den der Erzähler
bei der Frage einnimmt:
Was rennt das Volle, was wälzt sich dort
die langen Gassen brausend fori?
— der Dichter weiß es ja und wird es uns gleich sagen, aber er
verleugnet dieses AVissen, er stellt sich und damit uns mitten unter
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