Ritter, Gerhard [Editor]; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1921, 4. Abhandlung): Studien zur Spätscholastik, 1: Marsilius von Inghen und die okkamistische Schule in Deutschland — Heidelberg, 1921

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I. TEIL.

Biographisches.
Marsilius de Inghen1 ist geborener Niederländer. Daß der
Name de Inghen die Familie und nicht den Geburtsort bezeichnet,
hat Toepke sehr wahrscheinlich gemacht, ebenso die Herkunft aus
der Nähe von Nymwegen, aus einem unbekannten Ort der Utrechter
Diözese2. Über Geburtsjahr3 und soziale Herkunft läßt sich nichts
bestimmtes ausmachen. Auffallend ist die frühe Zugehörigkeit des
Magisters als Kanoniker zu niederrheinischen Stiftern; dabei
scheint es sich um Kollegien ohne adligen Charakter zu handeln.
Die van Inghens mögen eine angesehene und am Niederrhein weit
verzweigte Familie gewesen sein, wie denn heute noch ihr Name
in den Niederlanden fortbesteht; vielleicht erklärt sich so die
1 Auch Marcilius, Marcellius, Marcellus, Mercilius sowie de Inguen, Ingwen
u. ä. in den mss. Den Vornamen Johannes Marcilius bringt ein Druck der Phy-
sik, Lugduni 1518, zit. bei Duhem, sörie I., 260, N. 4.
2 III. 882. Die Herkunft de Novimagio wird auch durch Denifle,
Auch I, 293, 3 (z. J. 1364, jan 28) bestätigt. Ein Willermus (Wilhelmus)
de Inghen erscheint 1385 bzw. 1391 als Kanoniker an St. Severin in Köln bei
Sauerland VI., nr. 58 u. 444 u. Joh. Hess, p. 190.— Die zahlreichen Gelehr-
tengeschichten, Sammelwerke und Universitätsschriften des 17. u. 18. Jhrh.,
die über Marsilius handeln, stellen im Anschluß an Trithemius Scriptores
Ecclesiastici p. 120 meist recht windige Kombinationen über die Herkunft
des M. an, die wir übergehen können. Aufzählung dieser Literatur bei Che-
valier u. bei Andreae. Das anonyme Programm C. C. Wundts v. 1775
ist gleichfalls nur Compilation älterer Vorlagen. Ad. Jellinek ist keine
Biographie, sondern bringt nur einen Quellenbeleg (s.Teil III, Hs.nr.12 u. 79);
der kurze Artikel in der A. D. B. XX, 441 (von Prantl) ist völlig antiquiert.
3 Auf 1342 würde die Vermutung des Zeitgenossen Nik. Prowin (Grab-
rede, bei Adam p. 131), daß er forte (!) ante 20. aetatis suae annum zum mag. in
art. promovierte, in Verbindung mit dem Promotionsdatum, Denifle, Auct. I.
272, 4, führen. Die Zulassung zum Magisterexamen erfolgte normal nicht
vor dem 21. Lebensjahre, doch waren frühere Promotionen nicht selten; vgl.
Denifle, Chart. I, p. XX. Bulaeus IV, 274. Auf die Lobsprüche Prowins
wird indessen nicht viel zu geben sein. Für ein höheres Alter scheint zu
sprechen : 1. Die angesehene Stellung desM. in Paris schon 1363 (s. u.) 2. Die Er-
wähnung als senior der natio Anglicana 1376 (Denifle, Auct. I 483). 3. Der
frühe Tod 1396.
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