Jänecke, Wilhelm; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1927/28, 3. Abhandlung): Die drei Streitfragen am Grabmal Theoderichs — Heidelberg, 1928

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Wilhelm Jänecke:

Palaste fortnehmen zu dürfen1, hat sich Karl der Große freilich
nicht gehalten, denn er schleppte auch Theoderichs (Zenos?) bron-
zenes Reiterbild aus Ravenna fort. Im übrigen sind dieselben
Gründe, die Haupts Scharfsinn dafür anführt, daß die Aachener
Bronzetür nicht von Theoderichs Grabmal stammen könne, auch
gegen seine Annahme der Aachener Bronzegitter anwendbar.
Schließlich muß man Durm beistimmen, daß an dieser Stelle in
Ravenna durchbrochene Bronzegitter zu dem schweren Ernst des
Baues nicht passen. Das Gesims des Untergeschosses (s. Abb. 6)
kann hier sehr wohl den Abschluß gebildet haben, ohne daß man
eine Brüstung anzunehmen braucht, die zunächst nur das heutige
Empfinden an dieser Stelle vermißt.
Für eine Wiederherstellung des ersten Zustandes nützt es nicht
viel, festzustellen, daß sich auch außer San gallo andere erste
Renaissance-Architekten eingehend mit dem Bau beschäftigten,
daß Alberti ihn bei seiner Francesco-Kirche im nahen Rimini,
Bramante bei seinem Tempietto von S. Pietro in Montorio,
Rafael beim Tempelchen seiner ,,Sposalizio“ nachahmte, jeden-
falls alle diese Genannten ihn kannten. Solange nicht ältere
Zeichnungen oder zweifelsfrei zugehörige Bruchstücke gefunden
werden, schweben alle Wiederherstellungsversuche von Bogen und
Brüstung in der Luft.
Eine tiefer schürfende Baugeschichte kann sich nicht hei auf
Analogien gestützten Vermutungen beruhigen, wie es gewesen sein
könnte, sondern muß nach tatsächlichen Feststellungen suchen,
wie es gewesen ist.
3. Ras Auftreten cigengermanisehcr Formen.
Die dritte -— kunstgeschichtlich wie psychologisch wichtigste —•
Frage, ob sich an Theoderichs, des großen Germanenfürsten,
Grabmal Formen finden, die man nach Herkunft und Absicht als
eigengermanisch bezeichnen müßte, ist von jeher mit besonderem
Eifer und nicht immer sine ira et studio umstritten worden. In
Betracht kommen der rund 11 m lange Kuppelstein, darunter die
ganz unantik nach unten abgerundete Abdeckplatte und der Zangen-
fries darunter, das wuchtige schlichte Ciurtband ohne Unter- und
Oberprofil und die ornamentalen Glieder der Flachnischen.
Wenn Durm und Schulz immer wieder hervorgehoben haben,
daß das Altertum, besonders in Früh- und Spätzeit sich darin ge-
1 Siehe bei Stephani, Der älteste Wohnbau, II. Bd.
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