Jänecke, Wilhelm; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1927/28, 3. Abhandlung): Die drei Streitfragen am Grabmal Theoderichs — Heidelberg, 1928

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Wilhelm JäNECKE:

venna suchen dürfen, der freilich durch die unten angehängten Spi-
ralen — ebenso wie der Kuppelstein — zunächst einzig erscheint, bis
man bei genauester Betrachtung bemerkt, daß es sich hier tat-
sächlich um zwei Friese untereinander handelt, weil die—
schon in der Bronzezeit in den nordischen Ländern üblichen — Spi-
ralen weder mit dem Kreisdreiecks-Friese darüber noch unter sich
plastisch und zeichnerisch genau Zusammenhängen, sondern einen an
der oberen wagerechten Trennungslinie (scharfer Grat g—g auf Abb.7)
haftenden selbständigen Fries für sich bilden, ganz so, wie es sonst
an dieser Stelle die unteren begleitenden kleineren Zickzack-Kreis-
friese oder Halbkreisfriese (Nydam) tun. Man vergleiche hierzu
die unteren kleineren Friese auf Abb. 7 mit dem Zangenfriese
daselbst. Ähnlich germanisiert und geometrisiert ist das Herzlaub
der Flachnischen.
In dem Zangenfriese steckt also ebenso wie in dem Kuppel*
steine etwas Germanisch-Gotisches, Nordisches, worauf schon vor
31 Jahren Bronner1 hingewiesen hat. Selbst der allen ,,ger-
manischen“ Überspanntheiten abholde Dehio hat zugegeben, daß
hier von einem „mißverstandenen“ lesbischen Kyma keine Rede
sein könne gegenüber den sonstigen streng antiken Formen des
Baues2. Das war allerdings zu einer Zeit, als er gegen „germanische
Schwärmer“ wie Haupt noch nicht Stellung zu nehmen hatte3.
Nicht stichhaltig erscheint der oft angezogene, auch von Händel
wiederholte Vergleich mit dem bekannten, fälschlich als „Panzer
Theoderichs“ bezeichneten goldenen Ornamentstück im Museum
von Ravenna. Denn ein über die Spitze des Dreiecks gesetzter
Kreis ist etwas ganz anderes als eine Durchschlingung wie sie dieses
Stück zeigt (s. Abb. 7 ganz rechts). Man sollte daher diesen ge-
dankenlosen Vergleich nebst der falschen Bezeichnung „Panzer
Theoderichs“ endlich ruhen lassen.

Ergebnis.
Abschließend wird man sagen können: Das Grabmal Theo-
derichs als Gesamtbau ist eine Nachahmung der mehrgeschossigen
Grabturmform, wie sie in der späten Römerzeit besonders in Syrien
und Nordafrika üblich war. Die Zehneckform stimmt mit dem ver-
schwundenen Apollotempel in Toulouse und dem heutigen Westbau
1 Ravenna, Mainz 1897.
2 Die kirchliche Baukunst des Abendlandes I., 1884, S. 119.
3 In der Gesch. d. deutsch. Kunst I., S. 30.
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