Jänecke, Wilhelm; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1927/28, 3. Abhandlung): Die drei Streitfragen am Grabmal Theoderichs — Heidelberg, 1928

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Die drei Streitfragen am Grabmal Theoderichs.

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„einzigartig“ bei der damaligen Üblichkeit der Grabturmform
nicht, auch ist es fraglich, ob Theoderich selbst diesen Gedanken
hatte. Eher könnte man hei Alarichs Bestattung im unzugäng-
lichen Bette des Busento (410 bei Gosenza) so reden. Auf die hoch-
fliegenden Gedanken von Essenwein und Mothes, die den Sarko-
phag oben auf den Kuppelstein stellen und bei Nacht erleuchten (!)
möchten, sei hier nicht weiter eingegangen.
Jedenfalls wird niemand behaupten wollen, daß der Gesamt-
bau so wie er ausgeführt ist, ein organisches, zwangsläufig bedingtes
einheitliches Kunstwerk darstelle und daß der obere kreisrunde
Raum irgendwie organisch aus dem unteren griechischen Kreuz
herauswachse. Die äußere Umhüllung mit Zehneckseiten stellt nur
eine ganz äußerliche Parallelität beider Geschosse dar, deren Höhen-
verhältnisse keineswegs besonders antik abgewogen erscheinen. Die
starken, aufs sorgfältigste verzahnten Rundbögen der unteren
Nischen tragen auffallenderweise nichts. Im oberen Teile fällt der
unvermittelte Übergang vom Zehneck ins Rund auf. Dazu kommt
das Durchschneiden des oberen Gurtbandes durch den Türsturz,
die unorganisch vorspringende Altarnische, die Verschiedenartig-
keit der unteren und oberen Einzelformen, die verschiedene Farbe
und Abnutzung der Steinhaut unten und oben usw. Nicht zuletzt
ist der Umstand auffallend, daß die Steinschichten des Unterge-
schosses um 19,5 cm, die des Obergeschosses aber nur um 6 cm
nach Osten zu sich gesenkt haben. Das alles bestätigt die durch
die schriftlichen Nachrichten logisch und wahrscheinlich gemachte
Vermutung, daß der Bau eine lange Bauzeit mit wechselnden Bau-
absichten hatte.
2. Die ursprüngliche Gestalt des Obergeschosses.
Die bisherige Forschung hat sich vielleicht zu ausschließlich
mit dieser zweiten, immer problematisch bleibenden Frage beschäf-
tigt und darüber die erste und dritte ungebührlich vernachlässigt.
Zunächst handelt es sich hier um die Kernfrage: Sind die rund-
bogigen und konsolartigen Einarbeitungen der oberen Zahneck-
seiten ursprünglich oder können sie auch in einer späteren Zeit
hergestellt sein ? Wie bereits oben ausgeführt, ist die letztere Mög-
lichkeit durchaus vorhanden und man darf Haupt und Schulz
— denen sich Ricci anschloß ■— im Hinblick auf die notwendige
Verteidigung ihrer Rekonstruktionsversuche für etwas befangen in
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