Jauß, Hans Robert; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1986, 1. Abhandlung): Die Epochenschwelle von 1912: Guillaume Apollinaire: "Zone" u. "Lundi rue Christine" ; vorgetragen am 11. Jan. 1986 — Heidelberg: Winter, 1986

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Hans Robert Jauss

ist, läßt sich wie folgt bestimmen: Der Ort, im Titel mit Rue Christine
lokalisiert, aber erst v. 24: Le chat noir traverse la brasserie benannt,
füllt sich zum Schauplatz mit konkreten Details der Ambiance und des
Mobiliars (v. 5, 8, 11, 16, 26, 31 und vielleicht 47/48, wenn auf v. 12
zurückbezogen und als Uhr bestimmt) und mit spezifischen Floskeln
des Dialogs zwischen Gästen und Bedienung (v. 18, 29); nimmt man
Quand tu viendras à Tunis (y. 9) und Je partirai à 20 h. 27 (v. 15) als
Anzeichen einer Abreise, die das Bruchstück von v. 36: Compagnie de
navigation mixte (Annoncentext oder Antwort auf die Frage, wie
gereist wird?) bestätigt, so weitet sich die Szene auf die imaginierte
Ferne der Orte Smyrna, Neapel, Tunesien, China. Die Zeit, im Titel
mit Lundi auf einen Wochentag fixiert (der als Verabredung der
Tafelnden verstanden werden kann), verengt sich hingegen auf den
Abend (den v. 5: 7roA becs de gaz allumés anzeigt, dazu vielleicht v.
26/27)25 und zieht sich vom Glockenschlag: Pim pam pim (v. 12) über
die fahrplanmäßig exakte Zeit einer bevorstehenden Abfahrt (v. 15,
23) zu: l’heure que marque la pendule / la quinte major auf eine feierlich
markierte Stunde zusammen. Die feierliche Benennung der Stunde
nimmt im letzten Vers den Glockenschlag in sich auf und gibt der Ein-
heit der Zeit die Würde eines großen (obschon durch v. 47 ironisierten)
Augenblicks.
III.
Apollinaire hat indes das klassische Prinzip der dreifachen Einheit
von Zeit, Ort und Handlung nur übernommen, um es radikal zu
erneuern. Der eine Tag und der immer gleiche Schauplatz, die den
Personen zum Schicksal werden, sind hier in die kleinste, momentane
Einheit zurückgenommen, um im Jetzt und Hier des Geschehens das
zugleich Gegenwärtige in seiner irritierenden Vielfalt zum Vorschein
zu bringen. Das setzt voraus, die klassischen Bedingungen einer epi-
schen oder dramatischen Handlung ganz preiszugeben: die Situation
25 Wenn man in den aufeinanderfolgenden Versen:
La fontaine coule
Robe noire comme ses ongles (v. 26/27)
‘robe noire’ als Apposition zu ‘la fontaine coule’ liest, so daß - wie Ph. Renaud
(1969), S. 317 zeigte - eine kühne ‘surrealistische’ Metapher (das nächtliche flie-
ßende Wasser als schwarzes Kleid) entsteht, die der folgende Vers: c'est complète-
ment impossible sogleich wieder ironisch dementiert.
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