Jauß, Hans Robert; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1986, 1. Abhandlung): Die Epochenschwelle von 1912: Guillaume Apollinaire: "Zone" u. "Lundi rue Christine" ; vorgetragen am 11. Jan. 1986 — Heidelberg: Winter, 1986

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Hans Robert Jauss

rung der Moderne des XX. Jahrhunderts sahen62. Die Öffnung der
postauratischen Kunst auf unerahnte Möglichkeiten der ästhetischen
Erfahrung ist aber erst dann voll verstanden, wenn der Bruch mit dem
klassischen Prinzip des organischen Kunstwerks nicht allein produk-
tionsästhetisch (nach dem modernen Prinzip der Montage), sondern
auch rezeptionsästhetisch, durch den Bruch mit dem klassischen Ideal
der ruhenden, interesselosen Anschauung, bestimmt wird. Die
postauratische Kunst befreit die ästhetische Rezeption aus ihrer kon-
templativen Passivität, indem sie den Betrachter, Leser oder
Zuschauer nunmehr selbst an der Konkretisation des ästhetischen
Gegenstands beteiligt. Er wird in dem Maße zum Mitschöpfer des
Werks, in dem er die Erwartung einer geschlossenen, sinnerfüllten
Form als die klassische Illusion par excellence preisgibt und die bedeu-
tungsstiftende Interpretation wie schon die künstlerische Tätigkeit als
eine immer nur mögliche Lösung vor einer unabschließbaren Aufgabe
begreift. Ich habe diese Epochenwende in der Geschichte der Poiesis
schon anderweitig an der modernen Entwicklung der bildenden Kunst
vom Ready-made Duchamps bis zu Pop Art und Optical Art skizziert
und auf ihren theoretischen Anfang in den Leonardo-Essays (1895)
von Valéry zurückgeführt, der - nebenbei bemerkt - 1912 seine lang
unterbrochene poetische Produktion mit La Jeune Parque wieder auf-
nahm. Valérys so berühmter wie umstrittener Satz: Mes vers ont le sens
qu’on leur prête bringt nach dem Vorgesagten im Grunde nur die
Wende zur postauratischen Kunst der Moderne auf die kürzeste For-
mel63.

VII.
Die erste Welle des ästhetischen Avantgardismus stand ohne es zu
ahnen vor der historischen Schwelle des ersten Weltkriegs. Das läßt
uns die Euphorie ihres Aufbruchs, ihr Bewußtsein, keineswegs am
Ende der Kunst, sondern an ihrem Neuanfang zu stehen, mit der gro-
ßen Hoffnung, „de modifier de fond en comble les arts et les mœurs
62 Dazu B. Lindner: „Aufhebung der Kunst in Lebenspraxis? Über die Aktualität der
Auseinandersetzung mit den historischen Avantgardebewegungen“, in: Theorie der
Avantgarde - Antworten auf Peter Bürgers Bestimmung von Kunst und bürgerlicher
Gesellschaft, hg. M. Lüdke, Frankfurt 1976, S. 90ff. (vgl. ebd., M. Lüdke, S. 11 ff.).
63 Ästhetische Erfahrung ..., a.a.O., S. 117ff.
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