Biser, Eugen; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1990, 1. Abhandlung): Die Bibel als Medium: zur medienkritischen Schlüsselposition der Theologie; vorgetragen am 27. Januar 1990 — Heidelberg: Winter, 1990

Page: 15
DOI Page: Citation link: 
https://digi.hadw-bw.de/view/sbhadwphkl_1990_1/0025
License: Free access  - all rights reserved
0.5
1 cm
facsimile
Die Bibel als Medium

15

Die Bedeutung der Textstelle liegt nicht zuletzt darin, daß sie den Akt
der Verschriftung - ähnlich wie Hofmannsthals Brief des Lord Chan-
dos - bis an die Grenze des Verstummens vorantreibt, bis dorthin also,
wo nichts mehr zu berichten, dafür aber aufgrund der extrem gesteiger-
ten appellativen Text-Insinuation alles vom Beitrag des Lesers zu erwar-
ten ist. In dieser Reaktion des Lesers aber spiegelt sich - und darin zeigt
sich erst der Vollsinn der angesprochenen Grenzsituation - unverkenn-
bar die Tatsache, daß der Verschriftungsprozeß in Analogie zum
Sprech- und Verstehensakt zu deuten ist. Wenn die Sprache dem Men-
schen als Naturwesen konsubstantial ist, gilt dieselbe Konsubstantialität
vom Verhältnis der Schrift zu ihm als Kulturwesen. Dann aber ist auch
hier mit einem „hermeneutischen Rückmeldeeffekt“ zu rechnen, der
mit dem Satz verdeutlicht werden könnte, daß sich der Schriftsteller das,
was er niederschreibt, zuvor sich selber „zuschreiben“ muß, so unbe-
stimmt diese Wendung zunächst bleiben mag. Und schließlich ist der
Textstelle auch ein Hinweis darauf zu entnehmen, daß in die Verschrif-
tung all das bestenfalls spurenhaft eingeht, was im Sprechakt jenseits der
Artikulationsgrenze mitschwingt und nur in Form eines beredten
Schweigens zum Ausdruck gebracht werden kann.33
Die Veranlassung
Was nun aber die Frage nach den veranlassenden Faktoren anlangt,
so ist sie im Blick auf die literarische Gestaltung anders zu beantworten
als hinsichtlich der Verschriftung als solcher. Erster Medienverwender
der Christenheit von literarischem Rang ist, wie bereits betont, Paulus,
und er „gedrungen“ von der „Not“ seiner Missionsaufgabe, also vorwie-
gend aufgrund äußerer Faktoren. Doch wirkten sich innere Nötigungen
offensichtlich schon früher anregend auf die dokumentierende Produk-
tivität des Urchristentums aus, auch wenn deren früheste Ergebnisse
noch so deutlich von der mündlichen Tradition geprägt waren, daß sie,
gemessen an den Paulusbriefen und den Evangelienschriften als „vorli-
terarisch“ zu qualifizieren sind. Angesprochen sind damit in erster Linie
die aus einer perikopenhaften Überlieferung der Botschaft Jesu hervor-
gegangenen Spruchsammlungen, vor allem in Gestalt der zwar nur
postulierten, für die Lösung der synoptischen Frage jedoch unerläßli-
33 Dazu W. Luther, Die Schwäche des geschriebenen Wortes, in: Gymnasium 68 (1961)
526-548.
loading ...

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften