Biser, Eugen; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1990, 1. Abhandlung): Die Bibel als Medium: zur medienkritischen Schlüsselposition der Theologie; vorgetragen am 27. Januar 1990 — Heidelberg: Winter, 1990

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Die Bibel als Medium

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war vielmehr erst jener umfassende Akt der Überprüfung und „Unter-
scheidung der Geister“ (IKor 12,10) gewachsen, der schließlich in Ge-
stalt der Kanonbildung zur definitiven Grenzziehung führte.39
Das Paradigma
Während in diesem Bereich die literarische Gestaltung erst Jahr-
zehnte später erfolgte, tritt Paulus, der unter dem Druck der missiona-
rischen Situation das sich dafür anbietende Medium, den literarischen
Brief, in den Dienst seiner apostolischen Verkündigung stellte, gleich-
zeitig als Medienverwender und Schriftsteller auf den Plan. Zweifellos
behält die Paulusforschung mit der Meinung recht, daß der Apostel, der
„auszog, um die Mittelmeerwelt seinem Herrn zu Füßen zu legen“, mit
dieser Pioniertat „in der breiten Flut frühchristlicher Mission unterge-
gangen“ wäre (Käsemann), wenn er sich nicht mit seinem Briefwerk
unvergeßlich in das Gedächtnis der Christenheit eingeschrieben hätte
(Holl).40 Und ebenso richtig ist die Beobachtung William Wredes, daß
dabei nicht das „rhetorische Beiwerk“, sondern der sieghaft voranstür-
mende Gedankenduktus und nicht zuletzt die Fähigkeit des Apostels
den Ausschlag gegeben habe, „bei aller Wucht seiner Persönlichkeit. . .
auf Menschen einzudringen“.41 Dennoch ist der Grund seiner Wirk-
macht wohl erst mit der Vermutung erreicht, daß es ihm gelang, seinen
Briefen etwas von der suggestiven Kraft des dialogisch gesprochenen
Wortes mit auf den Weg zu geben. Damit ist auch schon angedeutet, daß
es mit der situativen Nötigung zusammen die angeborene Qualifikation
war, die Paulus zum Pionier schriftstellerischer Medienverwendung
werden ließ. In seiner Persönlichkeit lag außerdem der Schlüssel dafür,
daß in seinem Fall die Naherwartung keineswegs, wie Vielhauer an-
39 Von der Vielfalt der innerkirchlichen Irritationen, unter denen die gnostischen Ten-
denzen nur eine Teilperspektive bilden, vermittelt die Bekämpfung der Irrlehrer in den
neutestamentlichen Spätschriften (2Tim 2,14-26; Tit 1,10-16; 2Petr 2,1-22; 1 Joh 2,18-
27) ein relativ differenziertes Bild. Zur Frage der Kanonbildung siehe Adolf Martin
Ritter, Die Entstehung des neutestamentlichen Kanons: Selbstdurchsetzung oder au-
toritative Entscheidung? in: A. und J. Assmann (Hrsg.), Kanon und Zensur. Archäo-
logie der literarischen Kommunikation II, München 1987, 93-99.
40 E. Käsemann, Paulus und der Frühkatholizismus, in: Exegetische Versuche und Be-
sinnungen, Göttingen 1986, 183; K. Holl, Der Kirchenbegriff des Paulus in seinem
Verhältnis zu dem der Urgemeinde, in: H. Rengstorf (Hrsg.), Das Paulusbild in der
neueren deutschen Forschung, Darmstadt 1964, 178.
41 Wrede, Paulus, in dem genannten Sammelband, 22; 30.
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