Biser, Eugen; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1990, 1. Abhandlung): Die Bibel als Medium: zur medienkritischen Schlüsselposition der Theologie; vorgetragen am 27. Januar 1990 — Heidelberg: Winter, 1990

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Die Bibel als Medium

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Wenn Gott für uns ist, wer ist dann gegen uns?
Wenn er seinen eigenen Sohn nicht schonte,
sondern ihn für uns alle hingegeben hat,
wie sollte er uns nicht mit ihm alles schenken?
Wer wird uns trennen von der Liebe Christi?
Not oder Bedrängnis, Verfolgung oder Hunger,
Blöße, Gefahr oder Schwert?
Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Künftiges,
weder Gewalten der Höhe und der Tiefe
noch irgend ein anderes Geschöpf
uns werden trennen können von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist, unsrem Herrn (8,31 f. 35. 37ff.).46

Die Verschriftung
Vor diesem Hintergrund heben sich die medienkritischen Äußerun-
gen des Apostels um so schärfer ab. So schon sein Einspruch gegen die
Behauptung der Gegner, seine Briefe seien zwar „wuchtig“, sein Auf-
treten und seine Worte dagegen „kraftlos und matt“ (2Kor 10,10), die
er bei seinem Kommen vom Gegenteil überzeugen werde (10,11). Erst
recht aber die Klage des Galaterbriefs (4,20), die er in der Folge zum
Theorem vom „tötenden Buchstaben“ und „lebendigmachenden
Geist“ steigert.47 Ausgehend vom Hinweis auf die von seinen Gegen-
spielern vorgezeigten Empfehlungsschreiben entwickelt Paulus zu-
nächst die Vorstellung von dem Empfehlungsbrief, den Christus selbst
für ihn, den Apostel, durch den Erfolg seiner Missionstätigkeit aus-
gestellt und, aller Welt lesbar, seinen Adressaten ins Herz geschrieben
habe (2Kor 3,1 ff.), um daraus dann in kühner Übertragung Folgerun-
gen für das Verständnis des Gesetzes zu ziehen. Ohne die Interpre-
tationshilfe des Geistes wirkt der Gesetzesbuchstabe verfinsternd und
tötend (3,6). Wo aber die Wirkmacht des Geistes waltet, fällt die auf
dem „Text“ liegende Hülle, so daß er in seiner befreienden Sinnfülle
46 Daß Paulus seine Briefe aus dem Impuls der Liebe verfaßte, betont er ausdrücklich im
Zweiten Korintherbrief (2,4).
47 Dazu H. Lietzmann, An die Korinther I/II (Handbuch zum Neuen Testament 9), Tü-
bingen 1949, 110-115. Zum Begriffspaar „Geist und Buchstabe“ E. Käsemann, Pauli-
nische Perspektiven, Tübingen 1969, 237-285; ferner der gleichnamige Artikel von G.
Ebeling, in: Religion in Geschichte und Gegenwart II, Tübingen 1959, Sp. 1290-1296,
sowie die thematischen Beiträge von E. Kamlah und E. Schweizer, in: Evangelische
Theologie 14 (1954) 276-282 und 15 (1955) 563-571.
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