Biser, Eugen; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1990, 1. Abhandlung): Die Bibel als Medium: zur medienkritischen Schlüsselposition der Theologie; vorgetragen am 27. Januar 1990 — Heidelberg: Winter, 1990

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Die Bibel als Medium

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tage.63 Doch wirkte sie sich, ungeachtet ihrer Effizienz, von ihrem An-
satz her doch insgesamt restriktiv auf das Interesse eines integralen
Schriftverständnisses aus. Sie legte den Text, deutlicher gesagt, auf
seine medialen Strukturen fest, anstatt ihn im Sinn einer wirklichen
„Auslegung“ daraus zu befreien. Das macht die Frage nach einer mögli-
chen Gegensteuerung unumgänglich. Doch worin könnte sie bestehen?
Die Kompensation
Im positiven Rückschluß darauf geantwortet: in der Erkundung einer
evozierenden Lesart, durch welche das freigelegt und aufgerufen wird,
was die medialen Strukturen ausgrenzen oder doch niederhalten. Das
hat freilich zur Voraussetzung, daß die Implikationen der Mündlichkeit
durch die Verschriftung nur unterdrückt, nicht jedoch ausgelöscht wer-
den. Vorausgesetzt ist damit genauer noch ein Zweifaches. Einmal ein
Begriff des literarischen Werks, wie er seiner „Ortsbestimmung“ durch
Wolfgang Iser entspricht:
Dort also, wo Text und Leser zur Konvergenz gelangen, liegt der Ort des literarischen
Werks, und dieser hat zwangsläufig einen virtuellen Charakter, da er weder auf die
Realität des Textes noch auf die den Leser kennzeichnenden Dispositionen reduziert
werden kann.64
Demzufolge ist eine „konsistente Interpretation“ nur von einem kreati-
ven, den Text als eine Art „Partitur“ möglicher Sinnerschließung anset-
zenden Leseverhalten zu erwarten; denn sie
erweist sich als ein Produkt, das aus der Interaktion von Text und Leser hervorgeht
und daher weder auf die Zeichen des Textes noch auf die Dispositionen des Lesers
ausschließlich zu reduzieren ist.65
Vorausgesetzt ist sodann, wie in der sprachtheoretischen Zwischen-
überlegung angenommen, vor allem aber, daß von der Schrift wie von
der Sprache, wenngleich in abkünftigem Sinne gilt, daß sie dem Men-
schen nicht nur instrumentell verfügbar, sondern konsubstantial ist.
Von der Sprache ist das schon deswegen anzunehmen, weil deren in-
strumentelles Verständnis zu unauflöslichen Antinomien führt. Wie
könnte sie, um nur zwei Fälle anzusprechen, im Sinn der Logotherapie
63 Näheres dazu in meinem Jesusbuch ,Der Freund', München 1989, 39-47.
64 W. Iser, Der Lesevorgang, in: Rezeptionsästhetik, 252.
65 Iser, Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung, München 1984, 194.
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