Fehrle, Eugen; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1920, 11. Abhandlung): Richtlinien zur Textgestaltung der griechischen Geoponica — Heidelberg, 1920

Page: 4
DOI Page: Citation link: 
https://digi.hadw-bw.de/view/sbhadwphkl_1920_11/0004
License: Free access  - all rights reserved
0.5
1 cm
facsimile
Eugen Fehrle:

I.
Geop. XII 13, 10 lautet: "Οταν δε αύξηθώσιν (sc. αι θρίδακες)
επίκοψον1 το βλαστόν όξυτάτψ σιδήρψ και έπίθες δστρακον άπίά-
σωτον, δπως εις τό πλάτος την αυξησιν και μή εις τό μήκος λαμ-
βάνωσιν. Warum soll mau zu diesem praktischen Verfahren,
durch das man verhüten will, daß der Salat «in die Höhe geht»,
ein δστρακον άπίσσωτον, einen unverpichten Scherben benutzen?
Die Vorschrift, ein άγγεΐον άπίσσωτον zu gebrauchen, ist in den
Geoponica häufig: VI 16, 6; IX 28, 1; X 21, 6; 54, 2; XI 8, 1;
18, 8 (für εις κέραμον άπίσσωτον hat Palladius VI 17 olla recenti);
20, 3, wo άπίσσωτα gleichgesetzt ist άκώνιστα (so ist zu schreiben,
statt des überlieferten άκοόνιστα, vgl. den Kommentar von Niclas).
Aber an unserer Stelle sieht man den Sinn der Anweisung nicht
ein. Auch liegt kein Grund vor, etwa an einen abergläubischen
Brauch zu denken, nach dem man ein neues δστρακον benutzt,
wie man z. B. εις χαρτιν παρθένον eine Zaubervorschrift schreiben
muß.2 Die Parallelüberlieferungen der Geoponica belehren uns
vielmehr, daß wir hier eine praktische Anweisung haben. Der
Araber schreibt (VII 9, 5) von einem «Scherben gemäß seiner
(sc. des Lattichs) Größe». Der Armenier empfiehlt (c. 257) «ein
flaches Steineben» auf den Salat zu legen, und je größer er werde,
desto größere Steine darauf zu legen. Bei Columella (XI 3, 27)
wird verordnet, daß der Salat exiguam testam media parte ex-
cipiat. Palladius (II 14, 2) will nur, daß er gleba prematur aut
testa. Nirgends ist etwas erhalten, was dem άπίσσωτον entspräche.
Aber schreiben wir άπίσωτον, dann ist das Rätsel gelöst. Diese
Verbesserung wird durch den Araber (einen Scherben gemäß seiner
Größe) bestätigt und liegt wohl auch der Vorschrift des Armeniers
zugrunde, daß man den flachen Stein größer machen solle, wenn
1 So ist im L(aurentianus) überliefert, F(loreniinus) und M(arcianus) haben
έπίχωσον, Beckh schreibt, Needham folgend, fälschlich έπΐσχισον. Needham lag
nur die Lesart έπίχυυσον vor. Wie er aus dem Zusammenhang und den Parallel-
überlieferungen sah, handelt es sich darum, die Pflanze zu spalten. Deshalb
machte er die sachlich richtige Konjektur έπίσχισον. Nachdem aber durch L.
έπίκοψον, was dasselbe bedeutet wie έπίσχισον und oft vom Beschneiden
der Pflanzen gebraucht wird, überliefert ist, brauchen wir Needhams Konjektur
nicht mehr. Aus έπίκοψον ist die fehlerhafte Lesart in F Μ έπίχωσον auch
leichter verständlich.
2 Catalog. cod. astr. Gr. VII 10δ Z. 6; ebenda VI 61 Z. 15. Vgl. Ihm, Pela-
gonius, Ars vet. § 374. 208 (novum vas); Bianchi in den Hessischen Blättern
für Volkskunde 13, 1914, 108 f.
loading ...

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften